Survival-Training
Wie ich 24 Stunden in der steirischen Wildnis überlebte
Unser Autor lernte bei einem Survival-Kurs in den Bergen bei Mautern das Handwerk des Überlebens. Ohne eigene Verpflegung, aber zum Glück mit Jubilar Hermann
Sascha Aumüller
Jetzt wird es eng für die Überlebenden. Der 60-jährige Hermann, seine beiden Söhne und zwei weitere männliche Verwandte drohen auf 1.100 Meter Seehöhe in einem Waldstück bei Mautern in der Obersteiermark zu verdursten. Bereits vor sieben Stunden haben sie nach einem Gewaltmarsch endlich eine Lichtung erreicht. Ein heißer, sonniger Tag neigt sich seinem Ende zu, kein rauschendes Bächlein und keine gurgelnde Quelle sind in Hörweite. Die Fünf wirken erschöpft vom Bau ihrer Notunterkunft und fragen sich: Hätten wir uns besser wappnen müssen für diese Ausnahmesituation?
Ihr Fehler: Sie haben nur ein einziges Partyfass Bier zu dem Survival-Kurs mitgebracht. Das Überleben soll aber das ganze Wochenende dauern. Noch dazu fühlen sie sich verantwortlich für die anderen sechs Gestrandeten und teilen ihre Notration mit den Leidensgenossen. Doch auch deren Lippen sehen schon so spröde aus vor Trockenheit wie auf dem "Vorher"-Bild der Labello-Werbung. Alle gemeinsam sagen sich jetzt: "Durchhalten!"
Ein Räucherofen kann hilfreich sein, wenn man Fleisch haltbar machen will.
Auf einmal steht der Jüngste auf und schnappt sich Verstärkung, zusammen verschwinden sie wortlos im stockdunklen Wald. Nach 30 bangen Minuten kündigt sich akustisch Rettung an – durch Flaschenklimpern. Schon stehen die beiden Helden wieder im warmen Licht des Lagerfeuers, jeder hält heroisch eine Kiste Bier in die Höh’.
Wie hat es einer der Kursleiter Stunden zuvor formuliert: "Jeder lernt an diesem Wochenende seine Grenzen kennen..." Zusatz-Lektion eins: …oder die der Wildnis. Denn sie hört auch im steirischen Liesingtal irgendwo auf. Hier oben ist die Zivilisation eine bewirtschaftete Alm mit später Sperrstund’ und eiskaltem SB-Bier aus dem Wassertrog, keine 500 Meter vom Camp der Überlebenden entfernt.
Ungeschickt beim Überleben
Ich gebe zu, ich war überrascht, beim Überlebenskampf im dunklen Wald mit einer Flasche Murauer auf Hermanns Sechziger anzustoßen. Er hat den Survival-Kurs von seinen Söhnen zum Geburtstag geschenkt bekommen, weil "der Hermann sonst schon alles kann." Aber hatte ich vor dem Trapper-Adventure nicht extra einen Haftungsausschluss unterschrieben? Zum Beispiel für den Fall, dass ich mir irgendwie ungeschickt wehtue beim Überleben. Oder wenn ich verdurste.
Auch der Bau von Fallen wird geübt. "Scharf machen" darf man sie in Österreich aber nicht.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass bei einem Survivalkurs für Notfall-Jäger und Sammler die unbeschränkte Einfuhr von Landjägern von der Tankstelle oder Müsliriegel mit extra viel Protein erlaubt ist. Schon bald stellte sich heraus, dass ich der Einzige war, der gar keine Verpflegung mit hatte. Der "Gewaltmarsch" vom Parkplatz in die Wildnis ist zudem ein eher gemütlicher Verdauungsspaziergang, sollte man die harten Würstel schon während der Anreise auf der Autobahn verputzt haben. Das schwere Gepäck, das auch Annehmlichkeiten wie Schlafsack und Isomatte enthalten darf, kommt per Geländewagen der Veranstalter über die Forststraße hinauf und wird wie von DPD direkt in die Einschicht zugestellt. Aber rege ich mich gerade darüber auf, dass mir dieser Überlebenskampf zu komfortabel erscheint?
Die Wildnisschule "Waldkraft" wurde vor drei Jahren nicht mit dem Ziel gegründet, zahlende Teilnehmer in Gefahr zu bringen oder zu sekkieren. Die Veranstaltungen haben eher den Charakter von lehrreichen Pfadfinderlagern für Leute, die meinen, das letzte sei schon zu lange her. Oft schenken es Frauen ihren Männern, damit diese wieder einmal ganz weit raus in den Wald dürfen zum Spielen, meist nur für einen Tag, selten für zwei oder drei. Sensible Kenner der Fauna und Flora erklären ihnen dort, was sie essen können und wie sie sich dabei nicht wehtun.
Hannah Assil und Jan Dostal demonstrieren, wie man mit einfachen Mitteln Feuer macht.
Kaum Kurse ohne Teilnehmerinnen
Elf große Buben, die beiden Trainer Benni Panek und Jan Dostal nicht mitgezählt, wollen an diesem Wochenende schnitzen, basteln und zündeln, doch die Kursleiter betonen: Eigentlich findet kaum mehr ein Termin ohne Teilnehmerin statt. Auch im fünfköpfigen Team der Schule nimmt die ausgezeichnete Wildtierfotografin und Bergführerin Hannah Assil eine prominente Rolle ein. Diejenigen, die gerne anderen beim Überleben zuschauen, kennen sie aus der deutschen Serie Seven vs. Wild .
Geräuchertes Kaninchen hält fast so lange wie vakuumverpackte Landjäger.
Auch wenn die bierselige Episode zum Auftakt anderes vermuten ließe: Benni, der seit 2017 als Survival-Trainer arbeitet und Jan, der auch Jäger ist, leiten die Kurse höchst professionell. So professionell, dass sie selbst nicht am Lagerfeuer, sondern meist in…
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