Holladrio, sang die Grazer FPÖ Mitte Mai bei ihrem Wahlkampfauftakt, angefeuert von Landeshauptmann Mario Kunasek. Medienvertreter suchte man dort vergeblich: Ein "Versehen", hieß es. Insider erzählen aber, das hätte etwas mit dem Konflikt im Hintergrund zu tun gehabt, der die FPÖ Graz zu zerreißen drohe. Und der auch für die Steiermark und sogar den Bund Konsequenzen haben könnte. Ein Überblick.
Für Mario Kunasek ging es in der Steiermark ganz nach oben. Ein langer Weg - bei dem er wohl auch mit der Finanzaffäre in Berührung kam
1. "Systematische Illoyalität"
Es war nicht weniger als eine politische Bombe. Per Notverordnung hatte die FPÖ kurz vor ihrem Wahlkampfauftakt den Listendritten Bernhard Dohr sowie den Jungpolitiker Fabian Gutschreiter ausgeschlossen. Beide waren Stadtparteivize. Jetzt wird ihnen "systematisch illoyales Verhalten" vorgeworfen. Mehr wolle man nicht sagen. Dabei sollte Dohr nach der Graz-Wahl am 26. Juni zum Klubobmann aufsteigen.
Was war da los? Auf Anfrage halten sich alle Beteiligten bedeckt. Allerdings dürfte die Sache mit der Finanzaffäre verbunden sein, die seit 2021 über der FPÖ hängt. Und: Nach der Wahl soll es gleich zur nächsten Welle an Ausschlüssen kommen, heißt es hinter vorgehaltener Hand.
2. Der Afrika-Liebhaber
Die FPÖ Wien führt Dominik Nepp, Stadtrat in Wien. Auch in der FPÖ Linz ist ein Stadtrat Parteichef. Doch in Graz sitzt jemand an der Parteispitze, der kein Mandat in der Stadtpolitik hat: Axel Kassegger. Er übernahm die FPÖ Graz, nachdem Parteichef Mario Eustacchio und Klubchef Armin Sippel 2021, von Finanzskandal und Wahlniederlage erschüttert, zurücktraten. Kassegger hatte zwar politische Anfänge in Graz, sitzt aber seit 2013 im Nationalrat.
Warum also gerade er? Der Posten garantierte ihm, wahlkreisbedingt, ein Mandat im Nationalrat. Eine politische "Lebensversicherung", sagen Insider.
Axel Kassegger (links) und der Grazer Spitzenkandidat René Apfelknab (FPÖ)
Die sollte Kassegger auch brauchen. 2023 musste er den Posten als außenpolitischer Sprecher abgeben, nachdem er in die Planung einer Reise zu den Taliban involviert war – und Fotos von Blauen auf der Couch der Islamisten auftauchten.
Auch abseits davon werden Kasseggers Reiseaktivitäten argwöhnisch beäugt. Als Präsident des Freiheitlichen Bildungsinstituts (FBI) reiste er ausgiebig nach Südamerika und Afrika. Solche Trips gab es auch bei der Grazer FPÖ, sie werden derzeit von der Justiz geprüft, die Chats über einen Stripklub in Panama entdeckte .
Spitzenkandidat in Graz wollte Kassegger nicht werden. Diesen Posten erhielt der bislang unbekannte René Apfelknab.
Besonders pikant: Beide Jungpolitiker, die ausgeschlossen wurden, hatten beruflich eng mit Kassegger zu tun und waren auch auf Afrika-Reisen dabei. Ausgerechnet zwei Vertraute, die viel mitbekommen haben, wollten ihn offenbar abmontieren. Der Abgeordnete schreibt dem STANDARD, die Wahllisten seien "im Rahmen einer demokratischen Mehrheitsentscheidung" erstellt worden. Er selbst habe die Ausschlüsse der Männer beantragt, "aufgrund ihrer Untragbarkeit". Die Personen spielten nun "keine Rolle mehr", ebenso wenig wie "Anschüttungen oder subtile Unterstellungen". Abschließend droht er dem STANDARD mit Klage.
3. Ober sticht Unter
Die jüngeren Grazer dürfte auch der starke Einfluss der Landespartei gestört haben. Diese hat ihnen Kassegger vor die Nase gesetzt und die Kandidatenliste für die Grazer Wahl mitbestimmt. Der Finanzskandal hatte die Spitze der Stadtblauen ausradiert. Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt ermittelt mittlerweile gegen neun Personen wegen Veruntreuung, Urkundenfälschung, Untreue, Förderungsmissbrauch und teilweise Betrug. Acht davon sind (frühere) FPÖ-Funktionäre und Mitarbeiter. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Gemeinderätin Claudia Schönbacher wurde 2021, wohl gefördert von Kunasek, mit einem Stadtratsposten versehen; Klubchef wurde der junge Jurist Alexis Pascuttini. Erst Ende 2025 legte er vor dem Staatsanwalt offen, die Finanzaffäre anonym selbst angestoßen zu haben.
Und: Er gab an, dabei Hilfe erhalten zu haben. Von einem heutigen Landtagsabgeordneten, der damals Sprecher der Landespartei war, und einem Bezirkspolitiker, der ihn mit Interna aus dem Stadtratsbüro von Eustacchio versorgt habe. Beide angebliche Komplizen bestreiten das.
Jetzt kandidiert einer der beiden auf einem guten Listenplatz. Das rief Skeptiker auf den Plan. Sie forderten etwa, dass er Pascuttini verklage, wenn dessen Behauptung nicht wahr sei. Das sei jedoch zur Seite gewischt worden – in einer Sitzung, in der plötzlich Landespolitiker auftauchten.
Viele FPÖ-Kandidaten arbeiten in Büros von Landesräten. Die Grazer fühlen sich dadurch in der eigenen Stadt entmachtet. Das befeuert eine alte Rivalität zwischen den Burschenschaftern der Stadtpartei, also Akademikern, und der Landesebene, wo teils auch Schulabbrecher aktiv sind. Die Verachtung ersterer, wenn sie über zweitere sprechen, ist nicht immer gut kaschier…
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