Luftschläge in Russland
In Moskau wächst die Verunsicherung
Lange Zeit schien der Angriffskrieg gegen die Ukraine fernab von der Moskauer Bevölkerung zu toben. Die jüngste Drohnenattacke auf eine Raffinerie verstärkt das Gefühl der eigenen Verwundbarkeit
Jo Angerer
Nach dem Angriff auf eine Raffinerie stiegen am Donnerstag über dem südöstlichen Stadtrand von Moskau schwarze Rauchwolken auf.
Der Krieg hat nun wohl endgültig Moskau erreicht: Dunkle Rauchwolken über dem südöstlichen Stadtbezirk Kapotnja, ein schmieriger Ölfilm liegt auf den Fensterbrettern der Wohnhäuser. Getroffen wurde eine Ölraffinerie, die für die Versorgung der Moskauer mit Benzin wichtig ist, sowie zwei Einkaufszentren. Über der Stadt habe die Flugabwehr rund 180 Drohnen abgefangen, teilte Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin mit. Bewohner mussten evakuiert werden.
"Heute Morgen bin ich gegen fünf Uhr aufgewacht, entweder durch eine Explosion oder durch das Raketenabwehrsystem. Ich wurde förmlich aus dem Bett geschleudert – so heftig war der Knall", sagt Arina, eine Anwohnerin, dem Onlineportal Meduza . "Ich saß eine Weile im Badezimmer und hatte Todesangst." Sie selbst hege keinen Hass auf die Ukrainer, ergänzt Natalia, eine Nachbarin. "Aber wissen Sie was? Wenn ich mit meinen Nachbarn spreche, lautet die Antwort in zwei von zehn Fällen: 'Bombardiert sie doch einfach alle in Kiew, dann ist die Sache erledigt!'". Und Artem betont: "Am meisten schockierte mich an diesem Angriff, dass es keinerlei Alarm oder Benachrichtigung gab. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie. Sollten solche Angriffe weitergehen, sehe ich mich möglicherweise gezwungen, mit meiner Familie Russland zu verlassen."
Verbotene Postings
Panik ist keine zu spüren, Verunsicherung aber schon. Der Verkehr auf dem Moskauer Autobahnring nahe der Raffinerie wurde gestoppt. Die Moskauer Flughäfen stellten zeitweise den Betrieb ein. In sozialen Medien kursierten zahlreiche Videos von Augenzeugen der Angriffe, obwohl derartige Postings inzwischen verboten sind. Harte Strafen forderten russische Militärblogger.
Wie schon beim Drohneneinschlag in einem Wohnhaus in der Innenstadt vor ein paar Wochen warnte die Deutsche Botschaft: "In der Regel gibt es keine Vorwarnzeiten bei Drohnenangriffen. Nehmen Sie propellerartige Fluggeräusche wahr, gilt es, unverzüglich Schutz zu suchen. Entfernen Sie sich umgehend von Glasfassaden." Die Sicherheitslage in Moskau habe sich zwar nicht verändert, aber trotzdem: "Das Streufeld von Trümmerteilen, die teilweise noch explodieren können, kann sehr großflächig sein."
Und noch einen weiteren Ratschlag gibt die Botschaft den Deutschen, die noch in Moskau leben: "Eine maßvolle Treibstoffbevorratung (Tank immer halb gefüllt) erscheint angesichts der aktuellen Lage ratsam." Denn in Russland werden langsam Benzin und Diesel knapp. Noch sieht man keine langen Schlangen an den Tankstellen der Hauptstadt. Anderswo ist das aber schon Alltag. Gravierend sei die Lage auf der Halbinsel Krim und in den besetzten Gebieten in der Ostukraine, so eine unabhängige Rechercheplattform. In Donezk werde Kraftstoff teils nur wenige Stunden am Tag verkauft. In Luhansk und Saporischschja seien behördliche Limits von höchstens 20 Litern bekannt geworden.
Ölexport zuletzt gestiegen
Entwarnung dagegen vom Tankstellenbetreiber Rosneft. "Wir empfehlen zwar nicht unbedingt die Verwendung von Kanistern, aber wir befüllen die Tanks ganz normal", sagt Igor Setschin, der Vorstandsvorsitzende des Konzerns. Im Klartext: Hamsterkäufe werden nicht geduldet. Einige Tankstellennetze aber haben Beschränkungen eingeführt. Nicht nur Autofahrer sind von der Benzinkrise betroffen. Viel Treibstoff braucht auch die Landwirtschaft, vor allem zur Erntezeit. Zuletzt hatte die russische Regierung den Export von Flugtreibstoff bis zum 30. November verboten und die Ausfuhr von Benzin eingeschränkt.
Der Grund für die Spritknappheit: immer mehr ukrainische Drohnenangriffe auf die russische Ölindustrie. Russlands Außenminister Sergej Lawrow bekräftigte Drohungen von Kremlchef Wladimir Putin, es würde "massive Angriffe" gegen die Ukraine geben. Die russische Ölförderung sei laut der Internationalen Energieagentur (IEA) im vergangenen Monat um rund fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Dagegen sei der Export im Vergleich zum Vorjahr um 490.000 Barrel auf 5,2 Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Dies sei wieder das Niveau von 2022. Das heißt: Benzinmangel im Land, aber genug Geld für die Staatskasse. (Jo Angerer aus Moskau, 19.6.2026)
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