Auf den ersten Blick können sich die Deutschen freuen. Italien war immer ihr Sehnsuchtsort, nun werden sie selbst Italiener, zumindest was das Klima angeht. Ihre Städte wandern klimatisch über die Alpen. Dort ist das Wetter vielerorts heute schon so, wie es hierzulande in 50 Jahren sein wird. Viele deutsche Städte haben deshalb in wissenschaftlichen Modellen einen italienischen „Klimazwilling“.
Es wird trockener werden in Deutschland und wärmer. In Frankfurt könnte es bis 2080 so heiß sein wie an der Adria. In München, wo man sich Italien ohnehin nahe wähnt, dürfte das Klima so werden wie heute in der Lombardei. Dort wurden gerade 40 Grad gemessen, mitten im Frühling. Die Hansestadt Stade hat ihren Klimazwilling in den italienischen Marken.
Es hätte schlimmer kommen können mit dem Klimawandel. Die Erfolge der Klimapolitik in den vergangenen Jahren zeigen mittlerweile erste Wirkung. Aber täuschen lassen sollte man sich nicht. Ein solcher Sprung in nur wenigen Jahrzehnten vom kühlen Nordseenebel zur mediterranen Hitze ist groß. Seit die Menschheit sesshaft geworden ist, hat sich das Klima noch nie so schnell verändert. Dieses Tempo ist das Problem.
Wer mit Förstern oder Ärzten spricht, mit Bauern, Winzern oder Bauarbeitern, wird hören, dass die Sommer heute schon Schwierigkeiten machen, die es vor ein paar Jahrzehnten noch nicht gab. 34 Grad im Mai waren in Deutschland lange so unwahrscheinlich wie Tropennächte in Bremen. Beides ist heute Realität.
Mit dieser Wirklichkeit Schritt zu halten, ist mühsam. Trotzdem müssen alle versuchen, sich bestmöglich anzupassen. Für Deutschland heißt das: Es braucht Möglichkeiten zur Abkühlung. Schon im aktuellen Klima sterben in den Hitzesommern Tausende – das dürften viele mehr werden, wenn besonders die Ältesten (und Babys) weiterhin in ungekühlten Gebäuden wohnen. Städte müssen so geplant werden, dass nachts die kalte Luft aus dem Umland hineinweht. Klimaanlagen, also umgedrehte Wärmepumpen, wird es fast überall brauchen.
Die Hitze wird uns Milliarden kosten
Die Deutschen müssen außerdem anders mit ihrem Wasser umgehen. Künftig wird es längere Trockenphasen geben. Und wenn es regnet, dann häufiger sehr viel auf einmal. Dass das Wasser über den Beton wegfließt, Felder überschwemmt, Keller flutet und ein paar Wochen später der Rhein wieder wegen Niedrigwasser für den Schiffsverkehr ausfällt, kann sich das Land nicht leisten. Ohnehin wird das wärmere Klima teuer. Der Allianz-Konzern rechnet vor, dass die Produktivität in Deutschland pro zusätzlichem Grad über 30 Grad um etwa drei Prozent abnimmt. Allein bis 2030 werde Hitze die Volkswirtschaft deshalb 112 Milliarden Euro kosten.
Da ist es umso bemerkenswerter, dass die Bundesregierung nicht genau weiß, wie viel Geld sie für die Klimaanpassung ausgibt. Erst während der Ampelzeit versuchte sie das zu ändern, heraus kam eine kleinere Milliardensumme. Anpassung ist immer noch das Schattenthema der Klimapolitik, die vor allem darauf zielt, Emissionen zu senken.
Der wasserlose Forggensee im Frühling, bei Füssen im Allgäu Picture Alliance
Wenn das heißere Deutschland erträglich bleibt, dann wird das weniger an großen Bundesprogrammen liegen als an Kommunen, die jetzt kluge Entscheidungen treffen. Welche Fläche wird nicht versiegelt, welches Moor wieder vernässt? Das alles können Gemeinden selbst tun. Vorausschauende Kommunalpolitiker machen es schon, zur Klimaanpassung verpflichtet sind sie nicht. Das sollte sich ändern, um die Auswirkungen der Klimakrise wenigstens ein bisschen zu entschärfen.
Wer für Anpassung an Hitze und Starkregen eintritt, erntet viel Zustimmung. Auch von denen, die sonst immer wütend werden, wenn sie nur das Wort Klima hören. Deshalb sollte mehr darüber diskutiert werden, damit ein Wettbewerb der Ideen entsteht. Wie in jedem Politikbereich müssen wichtige Fragen beantwortet werden: Was und wer hat Vorrang? Sind Deiche wichtiger oder Stadtbäume?
Der weltweite Klimaschutz wird deshalb nicht unwichtig. Schon aus Selbstschutz muss ein Land wie Deutschland darauf hinwirken, dass die Erderhitzung erst gebremst und in einigen Jahrzehnten auch gestoppt wird. Dank der technischen Entwicklung ist der Mensch nicht mehr dazu verdammt, Energie aus Kohle, Öl und Gas zu gewinnen. Geht die weltweite Energiewende zu langsam voran, sind italienische Verhältnisse nämlich nicht das Ende der Entwicklung, sondern nur ein Zwischenschritt zu Zwillingen, die dann eher in heutigen Wüstenlandschaften zu suchen sind.
Menschen können sich anpassen, aber es gibt Grenzen. Und selbst wenn diese Grenzen hierzulande nicht überschritten würden, müsste Deutschland sich fragen, wie eine Welt aussähe, in der Milliarden Menschen aus ihren südlichen Heimatländern fliehen.
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