Am Freitag sollte es losgehen mit den Atomverhandlungen. Ein Zeitfenster von 60 Tagen hat man sich vorgenommen. Doch schon am ersten Tag gerät das Unterfangen ins Straucheln. Teheran mauert. Der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance hat seine Reise in die Schweiz kurzfristig abgesagt. Man ahnt: Den amerikanischen Unterhändlern stehen mit Iran nervtötende Wochen und Monate bevor.
Das weiß niemand so genau wie die deutschen Diplomaten Helga Schmid und Hans-Dieter Lucas. Beide waren maßgeblich an der Aushandlung des Atomabkommens von 2015 beteiligt, dem sogenannten JCPOA. Schmid als Chefunterhändlerin der EU , Lucas als Verhandlungsführer von deutscher Seite. Mit dabei die Verhandler Amerikas, Chinas, Russlands, Frankreichs, Großbritanniens und Irans. Über 20 Monate liefen die Gespräche im Wiener Palais Coburg.
„Die iranische Verhandlungsstrategie zielt darauf ab, gewissermaßen jede Zentrifuge mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, tausend Argumente zu finden, warum man auf dieses und jenes nicht verzichten kann, und das dann gebetsmühlenartig zu wiederholen“, sagt Lucas. „Für jede noch so kleine Konzession verlangt man eine Gegenleistung.“ Es gehe darum, die Gegenseite müde und mürbe zu machen, bis sie entnervt Zugeständnisse mache. „Mein Gefühl ist, dass man das jetzt auch mit Blick auf die USA versuchen wird, weil man vielleicht denkt, dass man mehr Zeit hat als Präsident Trump, der die Midterms vor Augen hat.“
Iranische Verhandler dozierten über die CIA und Saddam Hussein
Schmid beschreibt ihre Erfahrungen ähnlich. „Iranische Verhandler sind sehr belesen, sehr gebildet und knallhart“, sagt sie. Inmitten der technischen Gespräche machen sie „Exkurse in die Geschichte“. Mal ging es um alte persische Geschichte, mal um den von der CIA unterstützten Putsch gegen Ministerpräsident Mohammad Mossadegh von 1953, mal um Saddam Husseins Giftgasangriffe in Iran. „Die Geschichte, das muss man wissen, beeinflusst sehr die Verhandlungen.“
Hans-Dieter Lucas, der damalige deutsche Verhandlungsführer für ein Atomabkommen mit Iran, in Genf 2013 dpa
Beide Diplomaten blicken mit Sorge auf die aktuellen Verhandlungen, auch weil auf amerikanischer Seite bislang wenig Interesse an den technischen Details des Atomprogramms zu erkennen gewesen sei. „Ich hoffe sehr“, sagt Schmid, „dass, wenn es jetzt mit den Verhandlungen losgeht, auf der anderen Seite auch Experten sitzen, die die Details genau kennen und viel Geduld mitbringen.“ Die frühere Generalsekretärin des Europäischen Auswärtigen Dienstes leitete bis 2024 die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Heute ist sie Vizepräsidentin des Stiftungsrates der Münchner Sicherheitskonferenz.
Lucas, der unter anderem Ständiger Vertreter bei der NATO und Botschafter in Paris und Rom war, bevor er vor Kurzem in den Ruhestand wechselte, sagt es noch etwas deutlicher: „Man kann den Amerikanern nur empfehlen, dass sie eine hochrangige Expertendelegation zusammenstellen und dass diese ihr Geschäft macht, ohne ständig durch irgendwelche Tweets aus dem Weißen Haus unterbrochen zu werden.“
Trump scheut jeden Vergleich zum ehemaligen Abkommen
An den Verhandlungen zum JCPOA waren Dutzende Nuklearexperten beteiligt. Das 159 Seiten lange Abkommen steckt voller technischer Details zu Verfahren und Regeln. „Um keine Interpretationsspielräume zuzulassen“, so Schmid. Der Verhandlungsort Wien ermöglichte einen engen Austausch mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Deren damaliger Generaldirektor Yukiya Amano sagte am Ende, Iran sei in Bezug auf seine Nuklearaktivitäten das bestbewachte Land der Welt. Seit Juni 2025 waren die Inspektoren nicht mehr vor Ort. Für die jetzigen Verhandlungen kommt Wien dagegen kaum infrage. Präsident Donald Trump scheut jeden Vergleich mit dem JCPOA.
Schmid mahnt, „wenn jetzt von Sanktionsaufhebungen gesprochen wird, von einem Wiederaufbaupaket von 300 Milliarden Dollar, dann muss das ganz klar an konkrete verifizierbare iranische Zugeständnisse im Nuklearbereich geknüpft sein“. Sie ist zu sehr Diplomatin, um es offen zu sagen. Aber man kann ihren Worten entnehmen, dass sie fürchtet, die Amerikaner könnten sich mit weniger zufriedengeben.
Auch Lucas ist skeptisch, dass ein Abkommen innerhalb von 60 Tagen erreicht werden kann. Das von Iran und den USA unterzeichnete Memorandum sei, „was die Nuklearfrage anbelangt, sehr vage formuliert“, sagt er. „Das lässt darauf schließen, dass es hier weiterhin große Differenzen gibt.“ Aus dem Papier ergebe sich „kein hinreichend klar umrissener Rahmen für die jetzt folgenden Verhandlungen“. Zum Vergleich verweist er auf den sogenannten Joint Plan of Action, der im November 2013 den Rahmen für die anschließenden Atomverhandlungen setzte. Darin seien die Parameter schon präzise beschrieben gewesen. „Dann ging es in der Folge darum, das auszufüllen. Wie viele Zentrifugen? Wie viel angereichertes Uran? Was ist mit Forschung und Entwicklung? Welche Sanktionen werden wann aufgehoben? Wie ist die Mechanik der S…
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