G7
An jedem Tisch mit dabei: Der heimliche Star des G7-Gipfels
Beim G7-Gipfel steht es auf jedem Verhandlungstisch: Das Mineralwasser Evian bestreitet dieses Mal ein – sehr diskretes – Heimspiel
Stefan Brändle
Evian-Wasser feierte vor Kurzem sein 200-jähriges Jubiläum.
Der französische Kurort Evian-les-Bains wirkt derzeit wie ein Hochsicherheitstrakt. Überall Polizeipatrouillen, Straßensperren und Identitätskontrollen. Das schicke Städtchen an der Südseite des Genfersees ist in rote und blaue Sicherheitszonen unterteilt, die eher Besatzungszonen gleichen. Ohne QR-Code ist für Auswärtige, aber auch für die gut 9000 Einwohner kein Durchkommen.
Dagegen nehmen sich die rosa Plakate im Stadtzentrum geradezu diskret aus. Vornehm diskret, mit leichtem Augenzwinkern, besagt ein Spruch zu den bevorstehenden G7-Verhandlungen: "Es wird Debatten geben, aber nicht über unser Wasser." Man muss gut hinschauen, um zu verstehen: Rechts unten steht auf einer transparenten Flasche in durchsichtigen Lettern: Evian.
Sprudelnde Quelle
Gemeint ist nicht der Kurort Evian-les-Bains, sondern das, was ihn berühmt gemacht hat: das Mineralwasser. 1100 Angestellten füllen es westlich von Evian täglich in sechs Millionen Flaschen ab, exportieren es in 140 Staaten des Planeten. Wobei die hiesigen Einwohner Gratis-Evian haben: Bei der Avenue des Sources, unweit der Seepromenade, fließt seit Menschengedenken Wasser aus einem Bronzehahn, der von einem Becken mit einem hübschen blaugrünen Jugenstilmosaik eingefasst ist. Die Polizeisperren und Kontrollen seien halb so schlimm, sagt ein jovialer Senior beim Flaschenabfüllen. "Die Quelle wird auch noch sprudeln, wenn die hohen Herren des G7 längst wieder weg sind."
Schließlich hat die Evian-Quelle Cachat vor wenigen Tagen ihre 200-jährige Existenz begangen. Die Feier fand weiter oben statt, auf einem wunderschönen Hochplateau zwischen See und Alpen. Dieses Quellgebiet, "Impluvium" genannt, misst 35 Quadratkilometer; sein Regen- oder Bergwasser braucht 15 Jahre, um durch alle Gesteinsschichten zu tröpfeln. Wer heute Evian trinkt, trinkt also purifiziertes Regenwasser aus dem Jahr 2011.
Ohne Schwermetalle oder Pestizide
Und das ohne Schwermetalle, ohne Pestizide, mit einem neutralen pH-Wert. Evian, eine Tochter des französischen Nahrungsmittelriesen Danone (mit weiteren Wassermarken wie Volvic oder Badoit), blieb von den jüngsten Mineralwasseraffären seines Konkurrenten Nestlé (Vittel, Perrier) verschont. Aber die Evian-Hydrologen wissen auch, wie schnell sich das ändern kann. Zum 200. Jahrestag hat Danones Generaldirektor Antoine de Saint-Affrique den Landwirten des Hochplateaus acht Millionen zugesagt, unter anderem für ein neues Biogasverfahren zur Neutralisierung der Nitrate und Kuhfladen. Für das größte Problem Evians, die Plastikabfälle der PET-Flaschen, findet allerdings auch Danone keine Lösung. Recycling würde bedeuten, dass der glasklare Quell in gelbliche Flaschen käme. Pourquoi pas? Aber Danone befürchtet einen zu hohen Absatzrückgang durch unattraktives "Packaging".
Auf jeden Fall ist der G7-Gipfel für Evian in Sachen Publicity mehr wert als jede Werbekampagne. Für die Stadt genauso wie für das Mineralwasser. Genau trennen lassen sich die beiden "Evian" ohnehin nicht. Das Quellwasser fließt auch in das hiesige Thermalbad des "Evian Resorts" (530 Angestellte), zu dem auch ein Fünfsternhotel, ein Casino, ein Konzertsaal und ein Golfplatz gehören. Wer bei der Hydrotherapie im Thermalbecken unbeabsichtigt etwas Wasser schlucken sollte, muss nicht klagen: Es war immerhin Evian. (Stefan Brändle aus Evian, 14.6.2026)
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