Faktencheck
"Werden nicht auf Drohnen schießen": Warum Kanzler Stocker sich beim Eurofighter irrt
Der Kampfjet ist auch gegen Drohnen eine gute und notwendige Investition. Doch Luftverteidigung ist komplizierter als man denkt
Peter Zellinger
"Drohnen haben hier vieles verändert. Wir werden mit Abfangjägern nicht auf Drohnen schießen können“, man werde sich anpassen müssen, sagte Bundeskanzler Christian Stocker.
"Drohnen haben hier vieles verändert. Wir werden mit Abfangjägern nicht auf Drohnen schießen können", sagt Bundeskanzler Christian Stocker. Hat er damit recht? Kann man mit einem Eurofighter wirklich nicht auf Drohnen schießen? Sind Kampfjets im Drohnenkrieg wirklich völlig nutzlos?
F-16 holen Shaheds vom Himmel
Die Antwort auf alle drei Fragen lautet klar: Nein. Tatsächlich haben sich die Bordkanonen von Kampfjets als wirksame Mittel gegen anfliegende Drohnen herausgestellt. Die Ukraine setzt ihre F-16 mit ihren M61 Vulcan-Kanonen erfolgreich gegen Geran-3 (oder Shahed 238) ein. Dabei handelt es sich um jetgetriebene Varianten der Shahed 136.
Die Bordkanone eines Eurofighters hat zwar ein größeres Kaliber als jene der F-16, feuert aber deutlich langsamer. Das ist in der Praxis kein Nachteil: Die Gatling-Kanone der F-16 muss erst elektrisch anlaufen, bis sie ihre Drehzahl erreicht hat. Die BK 27 feuert sofort mit der vollen Geschwindigkeit. Bei den bei Luftkämpfen üblichen kurzen Salven von unter einer Sekunde ist die niedrigere Schusskadenz also kein Nachteil. Oder einfacher formuliert: Die Bordkanone des aktuellen österreichischen Kampfjets ist also ebenfalls durchaus zur Drohnenabwehr geeignet. Das wird auch bei dessen Nachfolger nicht anders sein, egal ob die neuen Kampfjets Gripen, Rafale, F-35 oder wieder Eurofighter Typhoon heißen.
Natürlich ist ein solches Manöver für den Piloten nicht ohne Risiko. Die entstehenden Trümmer könnten vom Triebwerk des Jets angesaugt werden. Auch eine Kollision mit Drohnen in der Luft ist ein denkbares Szenario.
Effektiv, teuer und in Österreich leider Mangelware: Eine IRIS-T-Rakete.
Österreich hat nur wenige Raketen
Als ebenso effektiv hat sich der IRIS-T-Lenkflugkörper gegen Drohnen herausgestellt. Diese Rakete wird auch vom österreichischen Bundesheer aktuell als Luft-Luft-Rakete verwendet. Gleichzeitig beschafft Österreich über das "Sky Shield"-Projekt aktuell bodengestützte IRIS-T-Systeme für mittlere und nahe Distanzen.
Das Problem, und das ist wohl, was Stocker meint: Derartige Raketen sind teuer und stehen nur in einer begrenzten Stückzahl zur Verfügung, in Österreich ist die Rede von einer kleinen zweistelligen Stückzahl. Damit wehrt man nicht viele Drohnen ab.
Ist die Beschaffung von neuen Kampfjets also rausgeschmissenes Geld, wo doch Drohnen alles dominieren? Auch hier lautet die Antwort klar: Nein. Experten warnen eindringlich vor zu schnellen Schlüssen aus dem Ukrainekrieg. Auch das österreichische Bundesheer sieht die Luftverteidigung als Gesamtsystem aus unterschiedlichen Bausteinen. Dazu braucht es bodengestützte Lenkwaffen und Kanonen genauso wie Radarstationen und Satelliten, Drohnen und Kampfjets.
Die Frage ist nur: Wann setzt man welches Mittel ein? Jets wie der Eurofighter spielen ihre Vorteile durch ihre enorme Geschwindigkeit aus. Außerdem erreichen Kampfjets Flughöhen, die kleine und mittlere Drohnen nicht erreichen können.
Der sehr österreichische Zugang
Die Hauptaufgabe der Eurofighter ist in Österreich die einer Luftpolizei. Dazu müssen die Jets in Höhen aufsteigen, die aktuell nur wenige spezialisierte Drohnen erreichen können. Häufigster Grund für Alarmstarts sind Flugzeuge, die in den Luftraum eindringen, ohne vorher Funkkontakt aufzunehmen oder sich zu identifizieren. Im überwiegenden Teil der Fälle handelt es sich um Versehen. Jedoch gibt es auch Situationen, in denen etwa die Technik des Zielflugzeuges ausgefallen ist – und da schadet ein menschlicher Pilot in der Luft nicht: Manchmal muss man eben gute alte Handzeichen geben.
Der Begriff Abfangjäger muss weg
Zum Abschluss noch eine sprachliche Spitzfindigkeit, die nicht nur den Bundeskanzler betrifft: Der Eurofighter ab Tranche 2 ist kein "Abfangjäger". Dieser Begriff ist mittlerweile veraltet und stammt aus der Zeit des Kalten Krieges, als Kampfflugzeuge noch für spezielle Rollen entwickelt wurden, auch wenn das in der österreichischen Wahrnehmung gerne zu kurz kommt.
Der Eurofighter Typhoon des Bundesheeres ist kein Schrottflieger. Aus Kostengründen
Moderne Kampfflugzeuge sind aber Allrounder und können sowohl feindliche Flugzeuge abfangen, Aufklärungsmissionen fliegen oder Bodenziele angreifen. Nun ist der Terminus Mehrzweckkampfflugzeug sperrig und passt auch nicht so gut in Überschriften, weshalb sich der Begriff "Kampfjet" umgangssprachlich etabliert hat.
Übrigens: Hätte Österreich 2007 nicht aus Kostengründen die Tranche 1, sondern die Tranche 2 beschafft, würde die Nachbeschaffung heute…
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