Vandalismus in der Kunst : Gebannte Bewegung in der Stadt
Kunst ohne Erlaubnis? Der Kunstverein Hannover definiert in der Ausstellung „Under the Milky Way“ abstrakte Malerei um – und findet sie auf der Straße.
Abstrakt gepinkelt: Rocco und seine Brüder, „THE HOODHOUND“, 2026. Ausstellungsansicht „Under the Milky Way“
Andre Germar
Es knallt und kracht im Kunstverein Hannover – akustisch wie auch visuell. Die Werke, die dort gezeigt werden, haben eine gewisse Sprengkraft. Denn verhandelt wird unser Verständnis von der abstrakten Malerei. Und vielleicht wird sogar ein ähnliches Andersdenken gefordert wie 1915 in Sankt Petersburg, als Kasimir Malewitsch in der futuristischen Ausstellung „0,10“ eine absolute Gegenstandslosigkeit mit einem „Schwarzen Quadrat“ erfasste.
Kein Quadrat, sondern Silvesterraketen sind es im Jahr 2026. Veli Silver (*1983 Bosnien-Herzegowina) zündete sie bei einer heimlichen Malperformance in den Räumen des Kunstvereins, während er eine Leinwand mit großen, expressiven Gesten bemalte. Sie wird von einem Roboterhund getragen, wie ihn auch die Deutsche Bahn seit 2024 verwendet, um illegaler Zugbemaler*innen habhaft zu werden.
Im Hannoverschen Kunstverein hat der vom Kollektiv „Rocco und seine Brüder“ entwickelte Hund jedoch die Seiten gewechselt: Eigenmächtig besprüht er die Wände des Ausstellungsraums beziehungsweise verrichtet dort, je nach Interpretation, sein farbiges Geschäft.
Die Ausstellung
„Under the Milky Way. Abstraktion, Autonomie und post-vandalische Tendenzen in der Kunst der Gegenwart“ . Kunstverein Hannover, bis 19. Juli
Gesprengt wird beim hier gehandelten Verständnis von einer abstrakten Malerei auch der Rahmen, wenn sich die Farbe, wie bei Hams Klemens (*1984 Frankreich) über die ganze Wand erstreckt. Oder, wie beim Urban-Art Künstlerkollektiv „Moses & Taps“, über die (nachgebaute!) Querseite eines U-Bahn-Waggons . Denn zerstört wird in der Ausstellung nicht. Im Gegenteil, es wird angeeignet, erschaffen, transformiert.
Alles ist Malgrund: Christoph und Sebastian Mügge, „RaschplatzSchützenfest96ChaostageMesse“, 2026. (Detail) Ausstellungsansicht
Andre Germar
Völlig neue Kunstformen
Als „unautorisierte Malerei“ benennen die Kurator*innen Larissa Kikol und Christopher Platz-Gallus künstlerische Positionen, die ursächlich im öffentlichen Raum stattfinden. Mit dem Neologismus geben sie dem einen Namen, was Kunstszene und Öffentlichkeit lange unter „Street Art“ abtaten und links liegen ließen. In der Freiheit der Nichtbeachtung, der völligen Autonomie, haben sich eigene Kunstformen entwickelt.
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Kunstformen, die sich durch den impulsiven, energetischen und unmittelbaren Umgang mit Farbe, Geste und Bildträger auszeichnen, sind aufgeblüht. Oft finden sie im Stadtraum statt, agieren mit Aneignungsstrategien und sind jenseits einer Verschlagwortung in legal oder illegal angesiedelt. Sie entstehen vielfach nachts unter dem Leuchten der Milchstraße – eben „Under the Milky Way“.
Trennlinie zwischen abstrakter Malerei und Graffiti?
Hauswand im Bildformat: „Portable Monument in conversation with Cemetery of Ideas“ (Akim & Brad Downey), 2026. Ausstellungsansicht
Andre Germar
Ist abstrakte Malerei Kunst, wenn sie im öffentlichen Raum stattfindet? Wo verläuft die Trennlinie zwischen abstrakter Malerei und Graffiti? Es gibt keine klaren Grenzen mehr. Zusätzlich rückt eine ästhetische Strömung in den Fokus, die sich durch Widerständigkeit auszeichnet – der Roboterhund „Spot“ ist nur ein Beispiel dieser kreativen Selbstermächtigung mit vandalistischen Tendenzen.
Brad Downeys (*1980 USA) konzeptuelles Fassadenwerk ist eine weitere. 2025 erhielt er den Auftrag, eine 26 Meter hohe Hauswand in Berlin-Kreuzberg zu gestalten. Woraufhin er den Graffiti-Künstler Akim One (*1977 Vietnam) dazu einlud, Sprayer*innen auszuwählen, die sich dort einbringen sollten. Um die Unmittelbarkeit zu bewahren, gestalteten sie unter Zeitdruck jeweils ein ihnen zugewiesenes Segment. Als das Wohnhochhaus renoviert werden musste, wurde die gesamte Fassade zerlegt und abgenommen. Die Einzelteile sind nun – in Bildmaß gebracht – im Kunstverein Hannover zu sehen.
„Postvandalismus“ nennt Co-Kuratorin Larissa Kikol solche widerspenstigen künstlerischen Äußerungen. Interessant ist der Umstand, dass viele der ausgestellten Künstler*innen an namhaften Kunsthochschulen und bei renommierten Professor*innen studierten. Akademie, Institution, öffentlicher Raum und die Grauzone der Toleranz küns…
Read the full article at taz – die tageszeitung →📄Source document: Frank-Walter Steinmeier
4 reports
Deutsche Welle (English)State / PublicCenter4 days ago New exhibitions for Anish Kapoor: Art on the edgeThe article discusses Anish Kapoor's new exhibitions, focusing on his artwork 'First Body' displayed at the Lehmbruck Museum in Duisburg. It highlights the emotional and physical reactions his sculptures provoke, including Kapoor's own feelings of unease when interacting with his creations. The piece also touches on his creative process, emphasizing the unpredictable nature of his artistic development.
Bias read (Center): The article provides a neutral overview of Anish Kapoor's art and his creative process without taking a stance on any political issue. It focuses on cultural and artistic aspects, avoiding any ideological framing or biased language.
Deutsche Welle (Deutsch)State / PublicCenter5 days ago Anish Kapoor: Art in the AbyssAnish Kapoor discusses his artistic process and the emotional impact of his work, particularly his sculpture 'First Body,' which is currently on display at the Duisburg Lehmbruck Museum. He describes working with materials like dark red wax without having a clear vision of the final outcome, emphasizing the spontaneous nature of his creative process.
Bias read (Center): The article focuses on an artist's creative process and exhibition, with no political commentary or bias. The content is descriptive and neutral, focusing on artistic expression rather than political issues.
taz – die tageszeitungIndependentCenter5 days ago Vandalism in the Arts: The Forbidden Movement in the CityThe article discusses an exhibition at the Hannover Art Association titled 'Under the Milky Way,' which features abstract painting reinterpreted through acts of vandalism. The exhibit includes a performance by artist Veli Silver, who secretly set off fireworks while painting a canvas with expressive gestures. A robotic dog, typically used by Deutsche Bahn to apprehend graffiti artists, was repurposed in the exhibition to spray paint the gallery walls.
Bias read (Center): The article provides a factual description of an art exhibition and its themes without overtly favoring any political perspective. It focuses on artistic interpretation and does not engage in ideological commentary or biased framing.
Deutsche Welle (Deutsch)State / PublicCenter10 days ago Sculpture of a sex doll as a symbol of artistic freedomA sculpture titled 'Eva' by Alexandra Bircken, depicting a Japanese sex doll in an alluring pose, is part of an exhibition at the German Federal President's residence, Schloss Bellevue. The artwork raises questions about body image, gender, sexuality, and the objectification of women. The exhibition, running from June 13 to 28, is supported by President Frank-Walter Steinmeier, who emphasized the importance of artistic freedom in democracy.
Bias read (Center): The article presents factual information about an art exhibit without overtly favoring any political perspective. It quotes the president's support for artistic freedom but does not frame the content with ideological bias. The focus is on cultural expression rather than political controversy.
Official sources cited
- government Frank-Walter Steinmeier