Roman „Prosopon“ von Anna Felnhofer : Eine Blindheit, die kränkt
Anna Felnhofers herausragender Roman „Prosopon“ erzählt von einer kognitiven Störung und einem Hochleistungsakt der Einfühlung.
Erkennen beruht auf Wiedererkennen. Was, wenn das nicht funktioniert?
Cathy Remy/VU/laif
Johann kommt in den Kindergarten und begegnet im Waschsaal vor dem Spiegel einem Gegenüber, das ihn hektisch und grotesk nachäfft. Es ist ihm fremd, fragmentiert, unbegreiflich und macht ihn wütend. Der Blick in den Spiegel lehrt das Kind das Grauen. Der Grund: seine Gesichtsblindheit – Prosopagnosie. Von ihr handelt Anna Felnhofers fulminanter Roman „Prosopon“. Gebaut ist dieser Text wie ein hochkomplexes Spiegelkabinett, das nicht nur Individuelles reflektiert, sondern auch eine Welt, in der das „Gesehen-werden-Wollen“ Beziehungen beherrscht.
Erkennen ist ein Prozess, der zu Vertrautheit und Bindung führt. Erkennen beruht – als Wiedererkennen – auf früheren Begegnungen, somit auf gemeinsamer Geschichte. Es knüpft sich an Merkmale, Unverwechselbares und signalisiert dem Gegenüber, dass es markant, es selbst und erinnerungswürdig ist. Wer nicht über die Fähigkeit verfügt, andere zu erkennen, bleibt bindungslos, kränkt existenziell ohne Absicht und kann auch sich selbst nicht fassen.
Mit „Prosopon“ hat die österreichische Psychologin Anna Felnhofer einen analytisch brillanten, dramaturgisch bezwingend gebauten und schmerzlichen Roman vorgelegt. Aus ihm las sie schon 2023 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt einen spektakulären Ausschnitt. Das Buch kreist um den Unfalltod eines siebenjährigen Kindes und erzählt von dem, was die zurückbleibenden Eltern empfinden, von Schuld und Verzweiflung.
Das Buch
Anna Felnhofer: „Prosopon“, Luftschacht Verlag, Wien 2026. 259 Seiten, 24 Euro
Prosopon bezeichnet Antlitz und Maske gleichermaßen und ist damit das griechische Gegenstück zur Persona – als Begriff ist er nicht nur medizinisch, sondern auch theologisch und ikonologisch von Belang, weil mit ihm das Verhältnis von Gott und Mensch in der Erscheinung Christi diskutiert wurde. Sehr viel weltlicher, aber kaum weniger komplex beleuchtet der Roman seinerseits das Verhältnis des gesichtsblinden Vaters Johann zu seinem mutmaßlich autistischen Sohn Finn – und auch hier, wie in der christlichen Heilsgeschichte, stirbt der Sohn. Es bleibt die Frage, wessen Opfer er wurde.
Abstand gewinnen, Schmerz bewältigen
Die erste Szene zeigt Mutter und Vater im Krankenhaus am Bett des Siebenjährigen. Fünf Monate haben sie dort ausgeharrt. Jetzt bricht die Mutter auf und aus – verlässt das Hospital wie jeden Abend. Während der Vater beim Sohn bleibt, begibt sie sich in die lange verwaiste heimische Wohnung, um das Kinderzimmer zu räumen – brachial, im Versuch, zu summieren und zu memorieren, Abstand zu gewinnen, den Schmerz zu bewältigen und die Vorgeschichte des Unfalls zu begreifen.
Sie entfaltet die Erzählung eines ganzen Lebens, das ihres gesichtsblinden Mannes, immer wieder eingeleitet mit einschränkenden Bemerkungen, die andeuten, dass sich die Erzählerin die Dinge lediglich vorstellt, mutmaßt, manchmal in alternativen Anläufen. Die erzählte Zeit wird in eine viel kürzere literarische Zeit des Erzählens eingeschachtelt.
Gegenstand ist eine Entwicklungsgeschichte, der die Entwicklung eigentlich fast vollständig versagt bleibt, weil die Prosopagnosie keine Veränderung, keine Heilung kennt – bis vielleicht auf den letzten tragischen Augenblick. Sie zeigt einen Getriebenen, der durch die Welt irrt, blicklos für Gesichter und zumeist selbst unerkannt, stetig verunsichert darüber, wer ihm eigentlich begegnet, angewiesen auf Hilfskonstruktionen des Erkennens, dankbar für sortierte Momente und Rituale.
Prosopagnosie ist unheilbar
Ob er sich nach Spanien begibt oder nach Schweden – um ihn häufen sich Katastrophen und Opfer an. Ein geliebter Hund geht über die Klippe, einem diabeteskranken Fischer versetzt er nicht die rettende Insulininjektion, weil er ihn von seinem Bruder nicht unterscheiden kann.
Während der Vater immer wieder das Unverständnis, ja den Hass seiner Mitmenschen auf sich zieht, ist der Sohn unfähig zur Empathie, sogar spontan gewaltbereit, sadistisch und bösartig. Er rammt Mitschülern Scheren oder Gabeln in den Körper, untersucht die Eingeweide noch lebender Tiere mit bloßen Fingern oder schlägt seiner ihn gerade noch tröstenden Mutter unversehens mit voller Wucht die Faust ins Gesicht.
Johann hingegen war lebenslang Opfer von Peinigungen, sogar verschiedener, fast letaler Attacken seiner alleinerziehenden, alkoholkranken Mutter. Diese Übergriffe bringen sie zuerst in die Psychiatrie, dann ins Gefängnis von Stuttgart-Stammheim und just in die Zelle, in der sich Gudrun Ensslin erhängte.
Felnhuber erhellt Sachverhalte nüchtern, dann jedoch entwickeln lyrische, immer unforcierte Bilder eine immense Kraft
Die doppelte Anamnese
Was Finns Mutter unternimmt, ist ein Hochleistungsakt der Imagination und Einfühlung, indem sie die Ge…
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