Gewichtsverlust
Nimmt man mit der Abnehmspritze wirklich Fett ab – oder Muskelmasse?
Die Sorge vor massivem Muskelschwund durch Ozempic und Co hält sich hartnäckig. Eine neue Wiener Studie zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild
Magdalena Pötsch
Medikamente wie Semaglutid gelten als wirksam beim Abnehmen. Gleichzeitig wird intensiv darüber diskutiert, wie sich eine Anwendung auf die Muskelmasse auswirkt.
Kaum ein Argument gegen Abnehmmedikamente taucht so regelmäßig auf wie dieses: Wer mit Ozempic, Wegovy oder Mounjaro Gewicht verliert, nimmt zwar ab – büßt dabei aber vor allem wertvolle Muskelmasse ein. Eine neue Wiener Studie legt nun nahe, dass diese Befürchtung zumindest in dieser Pauschalität nicht zutrifft.
Analysiert wurden dafür Daten von 486 Menschen mit Adipositas , die zwischen 2022 und 2025 mit GLP-1-Medikamenten wie Semaglutid oder Tirzepatid behandelt wurden. Das Ergebnis: Der Großteil des Gewichtsverlusts entfiel auf Fettmasse. Im Schnitt verloren die Teilnehmenden knapp zehn Prozent ihres Körpergewichts. Die Fettmasse sank um rund neun Kilogramm, die Muskelmasse dagegen nur um etwa 1,2 Kilogramm. Bei mehr als 70 Prozent blieb die relative Muskelmasse stabil oder nahm sogar zu. Die Studie wurde beim Europäischen Adipositaskongress in Istanbul Anfang Mai vorgestellt.
Mehr relative Muskelmasse
Für Bianca-Karla Itariu und ihr Studienteam kommt das nicht überraschend. Die Studienautorin begleitet als Internistin seit Jahren Menschen beim Abnehmen: "Mein Eindruck war in der Praxis, dass viele durch die Gewichtsreduktion fitter sind als zuvor", sagt sie. Gleichzeitig sei die Debatte über angeblichen Muskelschwund oft "sehr reißerisch" geführt worden. "Dann habe ich mir gedacht: Schauen wir uns das wissenschaftlich an."
Das Ergebnis fiel deutlich weniger dramatisch aus, als viele Diskussionen rund um die Medikamente vermuten lassen. Menschen verlieren bei praktisch jeder Form der Gewichtsabnahme auch Muskelmasse. Entscheidend ist aber das Verhältnis – und das scheint bei Abnehmmedikamenten viel günstiger zu sein als oft behauptet.
"Dadurch verbesserten sich oft die Proportionen im Körper", berichtet Itariu. Vereinfacht gesagt: Wer nach einer Abnahme deutlich weniger Fett, aber nur etwas weniger Muskelmasse hat, hat oft einen höheren prozentuellen Muskelanteil als zuvor. Untersucht wurde das im Rahmen der Studie mithilfe einer bioelektrischen Impedanzanalyse. Dabei wird ein schwacher elektrischer Strom durch den Körper geleitet. Weil Muskelgewebe Strom besser leitet als Fett, lässt sich so das Verhältnis abschätzen.
Die Internistin und Adipositas-Spezialistin Bianca-Karla Itariu beobachtete in ihrer Praxis, dass viele Patientinnen und Patienten durch die Gewichtsabnahme fitter wurden – und wollte die Debatte über angeblichen Muskelschwund deshalb wissenschaftlich überprüfen.
Auffällig war außerdem, dass ältere Frauen besonders gut auf die Therapie ansprachen. Warum das so ist, darüber kann Itariu nur spekulieren: "Nach der Menopause lagert sich bei vielen Frauen verstärkt Fett an. Möglicherweise wird bei einer Abnahme zuerst jenes Fett mobilisiert, das erst kürzlich dazugekommen ist." Langjährig bestehende Fettdepots könnten dagegen schwerer abzubauen sein.
Krafttraining essenziell
Warum hält sich die Angst vor massivem Muskelverlust trotzdem so hartnäckig? Für Itariu liegt das auch daran, dass Abnehmmedikamente besonders kritisch beobachtet werden. "Das ist wissenschaftlich zwar spannend", findet sie, "gesellschaftlich hat das aber zu einer Art Sensationalismus geführt." Außerdem greift die Diskussion oft zu kurz, findet Itariu. Untersucht wurde bisher nämlich meist nur die Muskelmenge, nicht aber die Qualität. Dabei sei durchaus denkbar, dass Muskeln durch die Abnahme "entfettet" werden und dadurch funktionell profitieren. Dafür braucht es aber weitere Forschung.
Gleichzeitig betont Itariu, dass die Medikamente allein noch keine erfolgreiche Therapie ausmachen. Alle Patientinnen und Patienten der Studie bekamen Empfehlungen zu körperlicher Aktivität: 150 bis 300 Minuten Bewegung pro Woche, inklusive Krafttraining. Gerade Letzteres sei zentral: "Die Bedeutung von Krafttraining in der Adipositas-Therapie kann man nicht genug hervorheben."
Dass viele durch die Abnahme wieder aktiver werden, beobachtet Itariu auch im Praxisalltag. Viele wollen schließlich nicht nur leichter werden, sondern beweglicher – vom schmerzfreien Stiegensteigen bis zum Radeln oder Laufen. "Das Ziel der Leute ist nicht, abzunehmen, damit man besser auf der Couch sitzt", sagt sie.
Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Itariu empfiehlt ein bis 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Zielgewicht täglich, aber auch Kohlenhydrate sind entscheidend. Von Low-Carb-Diäten hält sie wenig. "Kohlenhydrate sind die wichtigste Energiequelle", sagt sie. Werden sie zu stark reduziert, drohen Müdigkeit und eventuell auch Unterzuckerung.
Wird all das berücksichtigt, zeichnet si…
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