Jan Michael Marchart
Nach dem 14. Femizid: Liebe Männer, unser Schweigen ist Teil des Problems
Warum gibt es in Männerrunden keine Gespräche darüber, was diese Taten mit Männlichkeit zu tun haben? Weil es unangenehm ist. Uns fehlt oft Mut und Empathie
Kommentar
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Jan Michael Marchart
Liebe Männer, schauen wir endlich hin!
Ein Lehrer, der seine Kollegin in der Schulbibliothek umbringt. Ein 25-Jähriger, der seine Ex-Freundin stundenlang mit einem Küchenmesser in der Hand in ihrer Wohnung gefangen hielt. Ein Wochenende in Österreich. Was stimmt nicht in diesem Land?
Nachrichten wie diese sind erschreckender Alltag. Ständig liest man im Nachgang davon, dass die Gründe für diese Taten beendete Beziehungen oder nicht erwiderte "Liebe" sein sollen.
Diese Männer glauben, dass ihnen Frauen gehören. Als ginge es in einer Beziehung um den Grundsatz: alles oder nichts. Also: Entweder du, mit mir, für immer – oder du bist tot.
Privilegierte Zuschauer
Das ist alarmierend. Und das muss uns Männer angehen. Und zwar alle. Nach solchen Taten sind es immer Frauen, die aufarbeiten, aufklären und anprangern.
Männer hingegen lehnen sich in der privilegierten Zuschauerrolle zurück. Nach dem Motto: Mit mir hat das alles nichts zu tun! Ich bin ja nicht so! Wirklich?
Wie kann es sein, dass wir Männer dieser Tage jedes Tor "unserer" Nationalteams bei der Fußball-WM freudig feiern und jedes Gegentor betrauern, als hätten wir einen nahen Verwandten verloren, aber beim 14. Femizid dieses Jahres bekommen wir den Mund nicht auf? Weshalb ist da, wenn wir darüber nachdenken, zwar gerade noch Fassungslosigkeit über einen Mord, aber sonst nur unbeschreibliche Leere?
Wovor haben wir Angst?
Warum fragen Männer andere Männer nicht: Wie gehst du damit um, wenn du wütend bist? Weil es unangenehm ist. Und weil wir womöglich erkennen, dass wir selbst ein Problem und schon einmal Gewalt – auch verbal – ausgeübt haben. Dass wir zu selten gelernt haben, in uns hineinzufühlen, zu reflektieren, uns also zu spüren oder ein Gefühl der Schwäche zuzulassen. Wenn wir nicht mehr weiterwissen, gehen wir reflexhaft in die Abwehr.
Frauen reden mit Frauen darüber, wie es um die Sorgearbeit steht und wie es in der Beziehung läuft. Und wir, unter Männern? "Gut", "schwierig", "nervig", Tiefsinniges fällt uns da oft nicht ein. Vor allem nichts, das unser – problematisches und nachlässiges – Wirken in Beziehungen miteinschließt. Uns Männern fehlt oft Empathie. Wir sind Teil des Problems.
Wovor haben wir Angst? Dass wir in Männerrunden verlacht werden, wenn wir uns öffnen? Geben uns diese Runden abseits von Fußball-Gesprächen zu wenig Sicherheit? Dann stimmt da etwas nicht.
Liebe Männer, schauen wir hin! Lassen wir Frauen mit ihrer Wut, Trauer und dem Leid nach diesen Taten nicht mehr alleine. Das betrifft uns alle. (Jan Michael Marchart, 15.6.2026)
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