Gewaltverbrechen
Bereits der 14. Femizid heuer: "Männer tragen Konflikte nicht auf Augenhöhe aus"
Wenn Männer Frauen töten, weil sie Frauen sind, ist das laut den Vereinten Nationen ein Ausdruck "gesellschaftlicher Grundursachen"
Maximilian Werner
Ein Foto aus dem Archiv, von einer Kundgebung anlässlich des Internationalen Tags für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, im Jahr 2024 in Berlin.
Regelmäßig in Medien gelesene Formulierungen wie "Beziehungsdrama" oder "Familientragödien" verharmlosen , wenn Männer Frauen töten. Denn sogenannte Femizide haben laut Fachleuten keine einfachen Gründe, es sind eben keine einfachen Beziehungsdramen, sondern Morde. Morde als Ausdruck "gesellschaftlicher Grundursachen", wie es zum Beispiel die Vereinten Nationen formulieren .
Zum Tötungsdelikt an einer Schule im oberösterreichischen Bezirk Schärding am Freitagnachmittag wurden über das Wochenende immer mehr Details bekannt. Laut Angaben der zuständigen Staatsanwaltschaft in Ried im Innkreis gegenüber der Austria Presse Agentur (APA) dürfte "unerwiderte Liebe und dass die Frau eine andere Beziehung einging" der Hintergrund der Tat gewesen sein. Und: "Entgegen ersten Meldungen hatten die beiden Lehrerkollegen nie eine Beziehung gehabt." Sie war 28 Jahre alt; der mutmaßliche Täter, der sich laut der Landespolizeidirektion Oberösterreich nach seiner Tat selbst tötete, zwei Jahre älter.
Ein Problem "quer durch die Gesellschaft"
Laut einer Zählung des Vereins "Autonome Österreichische Frauenhäuser", die auf Medienberichten basiert, kam es in Österreich heuer zu bislang 14 Femiziden. Daten der UN zufolge wurden im Jahr 2024 weltweit rund 80.000 Frauen vorsätzlich getötet – und rund 50.000 von ihnen durch Partner oder nahe Angehörige. Die Frauenhäuser verweisen auf ihrer Website darauf, "dass viele Tötungsdelikte an Frauen nicht zufällig geschehen, sondern Ausdruck struktureller Ungleichheit, patriarchaler Machtverhältnisse und geschlechtsspezifischer Gewalt sind".
Ähnliches sagt Heinz Payer, den DER STANDARD am Sonntag beim Verein "Männernotruf" erreicht. Aus seiner Sicht sind Femizide aus zwei Gesichtspunkten zu betrachten: Einerseits gebe es eine "Problematik in der Wertigkeit von Frauen in der Gesellschaft", was sich etwa im Gender-Pay-Gap oder in Äußerungen, wie frauenfeindlichen Witzen, zeige.
Laut einer Studie über Femizide in mehreren deutschen Bundesländern im Jahr 2017 gingen diese öfter mit einem "geringen Bildungsniveau und einer ökonomisch eher angespannten Situation einher". Aber: Prinzipiell fanden solche sich "quer durch die Gesellschaft".
Männerarbeit gegen Femizide
Der zweite Gesichtspunkt sei unterdessen ein "individueller", sagt Payer vom Männernotruf: "Männer neigen dazu, ihre Probleme nicht anzugehen; Männer lassen den Krieger hinaushängen; Männer tragen Konflikte nicht auf Augenhöhe aus." Das werde dann gefährlich, wenn sie eine Kränkung erfahren: "Männer sehen das oft als persönliche Niederlage. Und wenn sie so sozialisiert wurden, dass sie ständig Sieger sein müssen, eskalieren sie." Solche Eskalationen sind aber keine spontanen Gefühlsausbrüche, sondern bauen sich länger auf, wie eine schwedische Studie feststellte.
Laut der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC gehört "das Verlangen nach Macht und Kontrolle in Beziehungen" zu den – zahlreichen – Risikofaktoren für Gewalttaten in Beziehungen. Die Vereinten Nationen sehen solche auch im Zugang zu Schusswaffen, in vergangenen Gewaltverbrechen oder bei Stalking.
Und wie kann man den Verbrechen dann vorbeugen? Die UN empfehlen insbesondere politische Maßnahmen, die "Beziehungsfähigkeiten vermitteln, die klären, welche Verhaltensweisen akzeptabel sind" – und die problematische Rollenbilder hinterfragen. Auch im Nationalen Aktionsplan zum Thema nimmt sich die österreichische Bundesregierung zum Beispiel vor, an Schulen "Werte wie Respekt und Toleranz" zu vermitteln, was wiederum "aggressives Verhalten und Diskriminierung" unterbinden soll.
Es brauche aber auch gesetzliche Maßnahmen, sagt Heinz Payer vom Männernotruf – etwa angesichts eines aktuellen Falls in Wien-Hietzing , wo ein Mann seine Ex-Freundin mehrere Stunden in ihrer Wohnung festgehalten und ihr gedroht haben soll, sie umzubringen. Die – wie in diesem Fall – ausgesprochenen Betretungsverbote müssten etwa mit Fußfesseln lückenlos überwacht werden können. "Die Krisensituation kann man nicht einfach so ausknipsen." (Maximilian Werner, 14.6.2026)
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