Analyse
Viele WM-Überraschungen
Warum die Top-Teams gegen die Kleinsten stolpern
Stand: 18.06.2026 • 10:02 Uhr
Die WM wurde auf 48 Mannschaften aufgebläht - und trotzdem stolpern die Top-Teams gegen die vermeintlich Kleinsten. Eine Analyse.
Von Jonas Schlott
Rudi Völler hatte also doch recht, als er Waldemar Hartmann vor nunmehr fast 23 Jahren in seiner unvergesslichen Weizenbier-Wutrede darauf hinwies, dass es im Fußball keine Kleinen mehr gibt. Und auch Gianni Infantino dürfte sich die Hände gerieben haben, als Spaniens Auftaktpartie gegen Kap Verde torlos abgepfiffen wurde und die bislang größte Sensation der Fußball-WM 2026 perfekt war.
Denn im Vorfeld der XXL-WM hatte der FIFA-Boss die Aufstockung des Turniers auf 48 Mannschaften immer wieder auch damit begründet, den kleineren Nationen die größtmögliche Bühne im internationalen Fußball zu bieten. Dazu zählen nun bei diesem Turnier Debütanten wie Curacao, Usbekistan, Jordanien oder eben Kap Verde - aber auch viele weitere Teams, die mit dem Underdog-Stempel in die USA, nach Mexiko und Kanada gereist waren.
Die WM hat ihre ersten Überraschungen
Und tatsächlich erwiesen sich die vermeintlichen Außenseiter gleich am ersten Gruppenspieltag mehrfach als Stolperstein für die Top-Teams. Katar machte gegen die Schweiz den Anfang, Australien düpierte die hoch gehandelten Türken. Auch Ägypten , Saudi-Arabien und die DR Kongo trotzten den favorisierten Teams aus Belgien, Uruguay und Portugal jeweils ein Remis ab.
Auf den Höhepunkt trieben es natürlich die Kapverden mit ihrem sensationellen 0:0 gegen Spanien. Einzig Deutschland - und das dürfte hierzulande den einen oder anderen der rund 80 Millionen selbsternannten Bundestrainer beruhigt haben - gab sich gegen Curacao keine Blöße und feierte beim 7:1 einen standesgemäßen Auftakt.
Doch welche Gründe gibt es für den Erfolg im Duell Klein-gegen-Groß bei dieser WM? Vier Beobachtungen des ersten Gruppenspieltags:
1. Leichtsinn und fehlende Ideen
Die Schweiz lieferte das Lehrstück in negativer Hinsicht : Gegen Katar hatten die "Eidgenossen" das Spiel scheinbar fest im Griff - mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Ecken. Doch statt nachzulegen - Chancen dafür gab es zur Genüge -, nutzte Katar in der Nachspielzeit die Unkonzentriertheit und Leichtfertigkeit des bereits siegessicheren Gegners aus und traf zum Ausgleich.
Auch Spanien schien sich angesichts der Aufgabe gegen Kap Verde auf seine individuelle und spielerische Klasse in Sicherheit gewogen zu haben. Der Favorit versank in endlosen Ballstafetten. Es fehlte an Ideen und Variabilität. Spanien spielte zu langsam und zu statisch. 943 Ballbesitzphasen und ein xGoals-Wert (erwartete Tore anhand der Chancen) von 2,21 halfen nichts.
Ähnlich gestaltete sich die Situation beim 1:1 Portugals gegen die DR Kongo. Die haushoch favorisierten Portugiesen sammelten zwar viel Ballbesitz, konnten diesen durch mangelnde Dynamik und Kreativität aber nicht nutzen. Alleine Vitinha kam am Ende auf 130 Ballkontakte. Seine Ausbeute: null Torschüsse, null Torvorlagen. Die DR Kongo hielt mit kollektiver Kampfkraft dagegen, ein Standardtor sollte letztlich zum Ausgleich und für den Punktgewinn reichen.
2. Die taktische Qualität ist gestiegen
Fußball muss nicht immer schön sein - Hauptsache, er ist erfolgreich. Ein kompakter Defensivblock und gelegentliche Offensiv-Nadelstiche reichen oft schon aus. Australien machte es beim 2:0 gegen die Türkei vor. Von Beginn an parkten die "Socceroos" den Bus vor dem eigenen Strafraum und bestraften den Chancenwucher des Gegners in den entscheidenden Momenten eiskalt. Wovon Spanien dabei lernen kann: Australien reichten 0,76 xGoals für zwei Treffer.
Dahinter steckt aber mehr als bloßes Glück; und es ist auch das Resultat der gestiegenen Professionalität im globalen Fußball. Video-Analyse und moderne Coaching-Methoden sind längst kein Privileg der Großen mehr. Auch kleine Verbände bereiten sich minutiös vor, studieren den Gegner, stopfen im Spiel dann die Räume und schlagen per Konter zu. Der Trend geht zu tiefen 4-4-2- oder 5-4-1-Formationen mit zwei kompakt verschiebenden Ketten, die keinen Raum zwischen den Linien lassen.
Auch Joshua Kimmich betonte zuletzt noch einmal, dass die Qualität bei der WM trotz des XXL-Teilnehmerfeldes sehr ausgeglichen sei. "Die vermeintlich kleineren Nationen werden taktisch und fußballerisch immer besser", unterstrich der Kapitän der DFB-Elf. Das 0:0 der Spanier gegen Kap Verde sei der Beweis dafür, dass die größeren Nationen selbst gegen vermeintlich schwache Gegner alles auf den Platz bringen müssten. Vor diesem Hintergrund sei auch der Auftakt-Kantersieg gegen Curacao kein Selbstläufer gewesen.
Die Überraschungen des 1. Gruppenspieltags
Katar
Schweiz
1:1 (0:1)
Australien
Türkei
2:0 (1:0)
Spanien
Kap Verde
0:0
Belgien
Ägypten
1:1 (0:1)
Saudi-Arabien
Uruguay
1:1 (1:0)
Portugal
DR Kongo
1:1 (1:1)
3. Glanzleistungen der Torhüter
Kein WM-Märchen ohne Helden - und das sind nicht selten d…
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