KI-Reden von Mario Voigt : Erbärmliche Denkfaulheit
Thüringens CDU-Ministerpräsident Mario Voigt lässt sich seine Reden wohl mit KI schreiben. Das ist peinlich und ein gefundenes Fressen für die extreme Rechte.
Er sollte mal so eifrig in die Tasten hauen, wie er Spargel sticht
Martin Schutt/dpa
M ario Voigt ist ein Freund der Technik. „Digitalisierung und Staatsmodernisierung“, ließ der Ministerpräsident von Thüringen vor wenigen Tagen mitteilen, „gehören für uns zum Kern einer handlungsfähigen Politik und eines Staates, der im Alltag besser funktioniert“. Ein Satz zum gepflegten Wegdämmern und Sofortvergessen. Tröstlich immerhin, dass der etwas dröge CDU-Politiker für das Ausdenken von derlei Drögheiten nicht allzu viel Zeit seines eigenen Politikeralltags verloren haben dürfte.
Das Texterkennungsprogramm Pangram kommt jedenfalls zu dem Schluss, dass der Satz mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) erstellt wurde. Wie wohl viele andere Beiträge von Mario Voigt auch. Das Portal „Frag den Staat“ hat jetzt mal zahlreiche Reden und Texte durch Pangram gejagt . Das Ergebnis: Bei neun von elf Reden kommt das leicht zu bedienende Analysetool auf einen KI-Anteil von weit über 50 Prozent. Drei Reden scheinen vollständig KI-generiert zu sein.
Zu Letzteren gehört demnach ausgerechnet eine Ansprache zum Holocaust-Gedenktag vom 29. Januar 2025. Über die Überlebenden der Verbrechen der Deutschen sagte Voigt dann Sätze wie: „Ihre Augen waren leer und zugleich unendlich tief – Zeugnisse von Verlust, Schmerz und einer Frage, die bis heute auch unsere sein muss: Wie konnte das geschehen?“
Dass ein Ministerpräsident für eine morgen eh schon wieder vergessene Pressemitteilung auf KI-generierte Satzbausteine zurückgreift – geschenkt. Dass er sich aber nicht einmal die Mühe zu machen scheint, einer Rede zum Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz und dem Gedenken an sechs Millionen ermordete Jüd:innen eigene Gedanken beizugeben, ist dagegen erbärmlich.
In dem Fall ist Voigts mutmaßliche Denkfaulheit zudem ein gefundenes Fressen für rechtsextreme Demokratieverächter. Thüringens AfD-Chef Björn Höcke stand mit Blick auf die Rede zum Holocaust-Gedenktag dann auch sofort Gewehr bei Fuß, um seine Meute via Telegram anzuheizen. Die Rede ist von „Politikdarstellern wie Voigt“ und davon, dass „die KI-Revolution uns vor Augen“ führe, „wie überflüssig diese Art von Politikern ist“. Höckes AfD steht in Thüringen in Umfragen bei 40 Prozent – mehr als die drei in Erfurt regierenden Parteien CDU, BSW und SPD zusammen hätten.
KI blind vertrauen? Immer eine schlechte Idee
Ob Höcke seinen gequirlten Quark ebenfalls mithilfe von KI erstellen lässt oder seine Telegram-Nachrichten auf Büttenpapier niederschreibt, um sie dann von einem treuen Diener in das Nachrichtenfeld des Messengerdienstes übertragen zu lassen, wissen wir nicht. Fakt ist, dass die wenigsten Politiker:innen ihre Reden und Gastbeiträge eigenständig verfassen. Auch die von Frag den Staat inkriminierten Texte dürften nicht von Voigt, sondern von seinen Mitarbeiter:innen fabriziert worden sein.
Es soll zwar Politiker:innen geben, die sich das Vorgekaute vor einem Auftritt oder einer Veröffentlichung noch mal anschauen und gegebenenfalls sogar korrigierend eingreifen. Thüringens Regierungschef gehört da augenscheinlich aber nicht dazu. Der Landesvater vertraut seinen Mitarbeiter:innen blind, die wiederum der KI blind vertrauen.
Dabei stellt ein im Sommer 2025 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter Voigts Namen erschienener Gastbeitrag unter Beweis, dass das nicht immer die allerbeste Idee ist: Laut Frag den Staat waren die hier eingestreuten Zitate von drei Wissenschaftlern „frei erfunden“. Die KI hatte sie wohl einfach halluziniert. Der Beitrag beschäftigte sich übrigens mit den Gefahren von Smartphones und Internet für Kinder.
Der FAZ -Fauxpas wäre Voigt selbst möglicherweise gar nicht passiert, gilt er doch als gewissenhafter Zitateabschreiber – freilich ohne dies kenntlich zu machen. Jedenfalls hat ihm die Technische Universität Chemnitz wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Plagiate in seiner Dissertation seinen Doktortitel aberkannt . Kann ja mal passieren.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!
Jetzt unterstützen
Rainer…
Read the full article at taz – die tageszeitung →📄Source document: Tagesspiegel→5 reports
taz – die tageszeitungIndependentLeft6 days ago Artificial intelligence in journalism: AI checkers are not the solution eitherThe article discusses the controversy surrounding the use of artificial intelligence (AI) in journalism, focusing on the case of Stephan-Andreas Casdorff, who used AI to generate opinion pieces while working at the Tagesspiegel. The article criticizes this practice, stating it undermines journalistic integrity and trust. It also mentions other instances where politicians and journalists have been caught using AI-generated text, including CDU politician Mario Voigt and Federal Digital Minister Carsten Wildberger.
Bias read (Left): The article strongly condemns the use of AI in journalism, emphasizing the erosion of trust in self-thinking journalists and criticizing specific individuals, including a CDU minister. The tone is critical of AI usage in the field and highlights ethical concerns without presenting balanced arguments
Frankfurter Allgemeine (FAZ)Independent🔒Center7 days ago When AI writes for politicians: Is that still fraud?The article discusses the use of AI by politicians to generate speeches and guest contributions, focusing on Germany's Federal Digital Minister Karsten Wildberger (CDU), who reportedly used AI to write many of his texts, including an article published in the F.A.S. The article also mentions that a guest contribution by Thuringia's Prime Minister Mario Voigt (CDU), suspected of being written by AI, was recently removed from the F.A.Z. archive. The piece contrasts this with the 'Tagesspiegel,' which suspended its 'Editor at Large' Stephan-Andreas Casdorff due to his failure to adhere to the rule
Bias read (Center): The article presents facts about AI usage by politicians without overtly favoring any side. It includes perspectives from multiple sources and does not employ loaded language or one-sided sourcing.
Official sources cited
- press release Zeit
- press release F.A.Z.
Die WeltParty-aligned🔒Center7 days ago Karsten Wildberger let speeches and guest contributions be written using AI – Use not disclosedKarsten Wildberger used AI to write speeches and guest contributions, but did not disclose this usage.
Bias read (Center): The article presents a factual statement without explicit endorsement or criticism. It does not include quotes, opinions, or contextual information that would indicate a particular ideological leaning.
taz – die tageszeitungIndependentCenter11 days ago AI speeches by Mario Voigt: pathetic thoughtlessnessThe article discusses allegations that Mario Voigt, the Minister-President of Thuringia and member of the CDU, has been using AI to generate his speeches. It references an analysis by the text recognition program Pangram, which claims that over 50% of Voigt's speeches were generated by AI, with three appearing fully AI-generated. One such speech was reportedly delivered on Holocaust Remembrance Day in January 2025.
Bias read (Center): The article presents factual information based on an external analysis tool (Pangram) without overtly biased language or selective sourcing. The content focuses on the technical claim regarding AI-generated speeches rather than taking a clear ideological stance.
Official sources cited
- other Pangram
- other Frag den Staat
Die WeltParty-aligned🔒Center11 days ago Now the Prime Minister of Thuringia Mario Voigt defends himselfThuringia's Minister President Mario Voigt is defending himself against allegations that he used AI-generated content for speeches.
Bias read (Center): The article presents a factual statement without explicit ideological framing, focusing on the defense by a political figure rather than taking a stance on the issue itself.