Die Fußball-WM 2026 kann mehr sein als nur ein Turnier.
Noch bevor der erste Ball der Fußball-WM 2026 gespielt wurde, diskutiert Deutschland bereits über den Boykott. Nicht über Taktik. Nicht über Spieler. Nicht über Chancen auf den Titel.
Sondern darüber, ob wir überhaupt noch gemeinsam feiern wollen. Kritik gibt es reichlich: an der FIFA, an der Kommerzialisierung des Sports, an Donald Trump als Gastgeber eines WM-Landes, an Menschenrechtsfragen und geopolitischen Spannungen. Laut einer aktuellen MAZ-Umfrage sprechen sich sogar rund zwei Drittel der Teilnehmer für einen Boykott der Weltmeisterschaft durch die deutsche Nationalmannschaft aus.
Vielleicht ist genau das das eigentliche Problem unserer Zeit: Wir sprechen ständig über Spaltung. Aber immer seltener darüber, was uns verbindet.
Sehnsucht nach Gemeinschaft wächst
Natürlich sind viele dieser Fragen berechtigt. Sport findet nicht im luftleeren Raum statt. Und trotzdem lohnt sich eine andere Frage: Was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, die kaum noch gemeinsame Momente zulässt? Denn genau das scheint Deutschland zunehmend zu verlieren.
Wir erleben politische Lagerbildung bis tief in Familien und Freundeskreise hinein. Öffentliche Debatten eskalieren innerhalb von Minuten. Algorithmen verstärken Empörung. Jeder lebt in seiner eigenen digitalen Wirklichkeit. Das Vertrauen in Institutionen sinkt. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Und genau hier liegt die eigentliche Bedeutung großer Sportereignisse.
Fußball ist nicht nur Unterhaltung. Fußball ist einer der letzten gesellschaftlichen Räume, in denen Millionen Menschen gleichzeitig dasselbe erleben. Nicht als Zielgruppe. Nicht als Milieu. Nicht als Parteianhänger. Sondern einfach gemeinsam.
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Das war die eigentliche Kraft des „Sommermärchens“ 2006.
Damals ging es nicht nur um ein Halbfinale gegen Italien. Es ging um ein Land, das für einige Wochen wieder lernte, unverkrampft zusammenzukommen. Schwarz-Rot-Gold stand plötzlich nicht für Ausgrenzung, sondern für Zugehörigkeit. Nicht für Überheblichkeit, sondern für Heimat. Nicht gegen andere, sondern gemeinsam mit anderen. „Zu Gast bei Freunden“ war mehr als ein Marketing-Slogan. Es war ein gesellschaftliches Gefühl.
Studien des ifo-Instituts zur WM 2006 zeigen tatsächlich messbare Effekte: rund 700.000 zusätzliche Hotelübernachtungen, erhebliche Tourismuseinnahmen und vor allem eine deutlich positivere internationale Wahrnehmung Deutschlands. Aber der eigentliche Wert lag woanders: im emotionalen Klima des Landes.
Demokratie lebt von emotionalem Zusammenhalt
Heute wirkt Deutschland oft wie das Gegenteil davon.
Wir stellen mittlerweile selbst gemeinsame Freude unter Generalverdacht. Sobald Fans Fahnen schwenken, beginnt sofort die nächste kulturpolitische Debatte. Als hätte dieses Land verlernt, zwischen demokratischem Gemeinschaftsgefühl und aggressivem Nationalismus zu unterscheiden.
Dabei wäre gerade das dringend nötig.
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Denn eine Demokratie lebt nicht allein von Institutionen und Regeln. Sie lebt auch von emotionalem Zusammenhalt. Von gemeinsamen Erinnerungen. Von Erfahrungen, die Menschen verbinden, obwohl sie unterschiedlich denken.
Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken will, darf deshalb nicht nur über Gesetze, Förderprogramme oder politische Strategien sprechen. Er muss auch verstehen, wie Gemeinschaft emotional entsteht. Große Sportereignisse können genau das leisten.
Nicht, weil Fußball alle Probleme löst. Sondern weil er für kurze Zeit etwas schafft, das im Alltag selten geworden ist: ein gemeinsames Wir.
Eine Gesellschaft zerfällt selten plötzlich
Das zeigt sich selbst heute noch. Trotz aller Kritik wollen laut einer Umfrage des YouGov Multi-Country Reports 41 Prozent der Deutschen die WM 2026 verfolgen, unter jüngeren Menschen ist das Interesse sogar deutlich höher. Die Sehnsucht nach solchen gemeinsamen Erlebnissen ist also keineswegs verschwunden.
Und vielleicht brauchen wir gerade deshalb einen anderen Umgang mit dieser Weltmeisterschaft. Nicht naiv. Nicht unkritisch. Aber eben auch nicht zynisch. Denn wenn ein Land nur noch seine Spaltung beschreibt, verlernt es irgendwann, Gemeinsamkeit überhaupt noch zuzulassen.
Natürlich wird die WM 2026 kein zweites Sommermärchen wie 2006. Die Welt ist eine andere geworden. Deutschland auch. Die gesellschaftliche Stimmung ist angespannter, die politische Debatte härter, die wirtschaftlichen Sorgen größer. Viele Kommunen planen bislang nicht einmal mehr öffentliche Fanmeilen, auch wegen Sicherheits- und Auflagenfragen.
Gerade deshalb wäre es falsch, dieses Turnier vorschnell kleinzureden.
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Vielleicht brauchen wir heute keine perfekte Euphorie. Vielleicht reicht etwas anderes schon aus: wieder gemeinsam auf öffentlichen Plätzen zu stehen. Gemeinsam mitzufiebern. Gemeinsam zu jubeln. Menschen zu begegnen, die man sonst nur noch als Profilbild oder politische Meinung wahrnimmt.
Eine Gesellschaft zerfällt selten plötzlich. Sie ver…
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