Die Linke hat ein Antisemitismusproblem. Etliche prominente Mitglieder traten deswegen in den vergangenen Monaten aus der Partei aus. Unter ihnen sind der ehemalige Berliner Kultursenator und Landesvorsitzende Klaus Lederer, die frühere Sozialsenatorin Elke Breitenbach, der langjährige Landesgeschäftsführer Carsten Schatz und der frühere Bausenator Sebastian Scheel.
Im März verließ auch der Brandenburger Antisemitismusbeauftragte Andreas Büttner die Linkspartei nach antiisraelischen Beschlüssen ihres niedersächsischen Landesverbandes. Dietmar Bartsch, Gregor Gysi und Bodo Ramelow regierten mit einer Stellungnahme: „Wir wehren uns entschieden gegen Aktivistinnen und Aktivisten in unserer Partei und deren Umfeld, die sich antizionistisch nennen und eigentlich meinen, Israel solle von der Landkarte verschwinden.“
Karl Marx zur „Judenfrage“
Allerdings setzt der aktuelle linke Antisemitismus auf antijüdische Traditionsbestände auf, die weiter zurückreichen als der Zionismus. Bereits Karl Marx , der selbst aus einem rabbinischen Elternhaus stammte, bediente antisemitische Klischees. 1844 schrieb er „zur Judenfrage“: „Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum“ und „die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit“. Hannah Arendt ordnete die Äußerungen von Marx dem linken Antisemitismus zu.
Dr. Jochen Staadt war Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin. dpa
Der marxistische Historiker Franz Mehring rechtfertigte 1898 in seiner „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ die Judenschrift von Marx mit den Worten, „gerade auch in der Trierer Gegend wütete der jüdische Wucher und erwürgte die kleinen Bauern mit den raffinierten Methoden, die ihm in dem feudalen Verwerfungsprozeß des östlichen Europas angewachsen waren“. Obwohl Mehring kein bekennender Antisemit war, wimmelt es in seinen Schriften von antisemitischen Zuschreibungen. Da ist vom „Geldjuden“ die Rede, von der „Geldoligarchie“, die eine „kosmopolitische Profitjagd“ betreibt, vom „parasitischen Schacher“ und der „schmutzigen Form des jüdischen Schachers“. Dessen „Schlacken“ meint er auch beim sozialdemokratischen Gründervater Ferdinand Lassalle zu entdecken, dessen Sprache er als „stark angemauschelt“ bezeichnet.
Wo Nazis der KPD Beifall zollten
In der KPD der Weimarer Republik finden sich weitere deutliche Spuren des linken Antisemitismus . Arthur Rosenberg, selbst jüdischer Herkunft, erhielt als Reichstagsabgeordneter der KPD für seine Verbalattacken gegen das „jüdische Großkapital“ den Beifall der Nationalsozialisten. So, als er sich im Reichstag am 24. Juli 1924 darüber mokierte, dass der amerikanische Großbankier Strauß in Bayern wie ein Fürst empfangen wurde, um zu erläutern, „wie amerikanische Großbanken die bayerischen Schiffahrtswege ausgestalten würden“.
Die bayerische Regierungspartei, „die stets ihre patriotischen Phrasen hinausschmettert, ist sehr froh, wenn sich das amerikanische jüdische Großkapital in Bayern einnistet. Ich hoffe, daß wenigstens die Herren Völkischen in Bayern gegen dieses Treiben Opposition machen werden. (Zustimmung bei den Nationalsozialisten.) Meine Herren Völkischen, man muß ja sagen, daß Sie in manchen Dingen einen ganz guten Willen haben. Aber was Sie tun, ist alles halb, Ihnen fehlen die richtigen Taten auch gegen das jüdische Kapital.“
Arthur Rosenberg entzweite sich 1927 mit der KPD. Nach dem Machtantritt der „Völkischen“ verließ er Deutschland. Seine Untersuchung über „Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik“ wurde zu einem geschichtswissenschaftlichen Standardwerk.
„Jüdische Lausebengels“, sagten KPD-Parteifreunde
Antisemitische Ressentiments unter KPD-Mitgliedern trafen unter anderen Albert Norden. Er war ein zum Kommunismus konvertierter Rabbinersohn und späteres Mitglied im SED-Politbüro, der als junger Mann auf dem linksmilitanten Flügel der KPD im Ruhrgebiet Karriere machte. Beobachter der Essener Polizei registrierten 1930, wie ältere KPD-Funktionäre gegen Norden und seinen Freund Alexander Abusch Stimmung machten, indem sie sich im vertrauten Kreis über die „jüdischen Lausebengels“ mokierten, „die mit so großen Vollmachten ausgestattet“ seien.
Hintergründig muss das auch Albert Norden wahrgenommen haben, thematisiert hat er es nicht. Im Gegenteil. Er distanzierte sich 1926 in einem wüsten Artikel „gegen den Zionismus“ radikal von jeder eigenständigen jüdischen Interessenvertretung. Er polemisierte gegen die „jüdische Hochfinanz Amerikas“ und bezeichnete die Zionisten „als Adjutanten der Weltreaktion“. Nur in der Sowjetunion werde wirklich für „die Verwurzelung der entwurzelten“ Juden gearbeitet. „Dort gibt es keinen Pogrom, keine Unterdrückung der Juden mehr.“ Dieses Glaubensbekenntnis blieb für Norden auch zu DDR-Zeiten sakrosankt, als er längst erlebt hatte, wie es zu antisemitischen Prozessen und Säuberungen in der Sowjetunion…
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