Als Yan Diomande im Alter von zehn Jahren neu an seiner Fußballakademie in Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste , vorgestellt wurde, sollte er wie alle anderen Kinder nach vorne treten, singen oder tanzen. Stattdessen fing er an zu weinen.
"Er wollte das überhaupt nicht machen", erinnert sich Boubakar Bamba, Gründer der AFI Sud-Comoé Academy, gegenüber der DW. "Diese Szene ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben."
Dass ausgerechnet dieser schüchterne Junge einmal in der Fußball-Bundesliga spielen würde, war damals kaum abzusehen. Auf dem Platz aber fiel früh auf, dass Diomande anders war als viele Gleichaltrige.
Heute, rund zehn Jahre später, spielt der 19-Jährige für RB Leipzig , hat sein Debüt für die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste hinter sich, nimmt zum ersten Mal an einer Fußball-Weltmeisterschaft teil und trifft im zweiten Vorrundenspiel auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft . In seiner ersten Bundesliga-Saison erzielte er in 33 Spielen zwölf Tore und wurde im Anschluss an die Spielzeit zum "Rookie der Saison" gewählt.
Große Träume in Abidjan
Diomande wurde in Abidjan geboren und wuchs in der ivorischen Metropole auf. Schon als Kind fiel er den Trainern der AFI Sud-Comoé Academy auf. Bamba sah ihn erstmals als Achtjährigen.
"Schon damals hat mich vor allem seine Einsatzbereitschaft beeindruckt", erzählt er. "Er war überall auf dem Platz unterwegs."
Damals spielte Diomande noch im Mittelfeld. Er war schüchtern, aber ehrgeizig. Schon früh träumte er davon, Profi zu werden und eines Tages für große Vereine zu spielen. Auf dem Platz verschwand seine Zurückhaltung schnell. Sein früherer Mitspieler Sako Losseni erinnert sich daran, wie Diomande mit Enttäuschung und Frust umging.
Yan Diomande (2. v. r.) nimmt mit der Elfenbeinküste an seiner ersten Weltmeisterschaft teil Bild: Thor Wegner/DeFodi Images/IMAGO
"Wenn er traurig oder wütend war, musste man ihm nur den Ball geben", sagt Losseni der DW. "Dann hat er ihn sich hinten geholt und ist einfach losgelaufen. Niemand konnte ihn stoppen."
Für die Akademie wurde Diomandes Weg später zu mehr als nur zu einer individuellen Erfolgsgeschichte.
"Als wir angefangen haben, haben viele Menschen nicht an uns geglaubt", sagt Losseni. "Dank ihm glauben unsere jungen Spieler heute an sich selbst. Und die Eltern vertrauen diesem Weg."
Ein Umweg über Florida und Spanien
Viele afrikanische Talente versuchen, möglichst früh nach Europa zu kommen. Diomandes Weg führte zunächst in die USA.
Über eine Partnerschaft seiner Akademie schloss er sich der DME Academy in Florida an. Für den jungen Ivorer bedeutete das einen Neustart - fern der Familie, in einem neuen Land und ohne Englischkenntnisse.
"Als ich Yan zum ersten Mal getroffen habe, sprach er kein Wort Englisch", erinnert sich sein damaliger Trainer Kioki Hutchings gegenüber der DW. "Wenn ich mit ihm sprechen wollte, hat er meistens nur gelächelt und gewunken."
Der Wechsel war nicht nur sportlich eine Herausforderung. Diomande musste sich in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden, weit weg von seinem Zuhause in Abidjan. Auf dem Platz überzeugte er schnell mit Tempo, Technik und Kreativität. Meist spielte er auf dem Flügel, wo er seine Stärken im Eins-gegen-Eins ausspielen konnte.
Schon früh fiel auf, dass er sich auch gegen ältere Spieler behaupten konnte. Später wechselte er zum Viertligisten AS Frenzi und führte die Mannschaft 2023 zum ersten Meistertitel ihrer Vereinsgeschichte. In den USA erhielt er auch den Spitznamen "Dio", der ihn bis heute begleitet.
In seinem La Liga-Debüt spielte Diamonde (r.) gegen Real Madrid und Superstar Vinicius Junior (2.v.r.) Bild: Dennis Agyeman/ZUMA/IMAGO
Der Sprung nach Europa gelang Anfang 2025. Der spanische Erstligist Leganés verpflichtete den Offensivspieler, der wenige Wochen später sein Debüt in La Liga feierte - ausgerechnet gegen Real Madrid.
Für seine Wegbegleiter in der Elfenbeinküste war das ein besonderer Moment. "Als er gegen Mbappé gespielt hat, konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen", sagt Losseni. "Mein Telefon hat ständig geklingelt. Alle haben gesagt: 'Sako, dein Freund!'"
Schwerer Schicksalsschlag durch Tod der Schwester
Allerdings erlebte der damals 18-Jährige in der Zeit, als sein fußballerischer Stern in Spanien aufging, einen schweren Schicksalsschlag: Seine 15 Jahre alte Schwester Roxane starb - offenbar wurde sie Opfer eines Giftanschlags.
"Jemand hat ihr auf einer Party etwas ins Getränk gemischt, und sie ist nie wieder aufgewacht. Sie ist nicht mehr da", schreibt Diomande wenige Tage vor dem zweiten WM-Spiel gegen Deutschland in einem Brief an die Verstorbene auf der Internet-Plattform "The Player's Tribune". Hier teilen Sportler ihre persönlichen Geschichten.
"Vielleicht war es Eifersucht. Vielleicht ist es einfach etwas, das in unserem Land passiert. Vielleicht hätte ich dich beschützen können. Ich weiß es nicht."
Bei der WM will er für seine tote Schwester spielen: "Ich werde dafür sorgen, dass du weit…
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