«Was ich persönlich denke, darf keine Rolle spielen.» Ob sie einen Klienten für schuldig oder unschuldig halte, ist für ihre Arbeit als Strafverteidigerin nicht entscheidend, sagt Tatyana Rodelli.
Die 32-Jährige besitzt seit gut einem Jahr das Anwaltspatent und hat in dieser Zeit bereits zahlreiche Polizeistationen, Gefängnisse und Gerichtssäle von innen gesehen. Auch wenn sie in vielen Rechtsgebieten tätig ist, prägt insbesondere das Strafrecht ihren Berufsalltag.
Legende:
Sobald das Telefon klingelt, ist jemand verhaftet worden und Tatyana muss los.
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«Jede Person hat das Recht auf einen Anwalt, sobald sie verhaftet wurde», sagt Tatyana Rodelli. Heute hat sie Pikettdienst. Heisst: Sobald jemand in Untersuchungshaft kommt, wird sie als Strafverteidigerin aufgeboten. Als ihr Telefon klingelt, erfährt sie nur das Nötigste: Eine Person wurde verhaftet, der Vorwurf betrifft ein Betäubungsmitteldelikt. Mehr weiss sie nicht. Wenige Minuten später sitzt sie im Auto Richtung Polizeiposten.
Kurz erklärt: Pikettdienst
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In der Schweiz stellen Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger im Pikettdienst sicher, dass festgenommene Personen rasch rechtlichen Beistand erhalten.
Wird jemand verhaftet, informiert die Polizei oder Staatsanwaltschaft die zuständige Pikettstelle. Die Anwältin oder der Anwalt wird aufgeboten und fährt zum Polizeiposten. Dort erklärt sie oder er die Rechte der beschuldigten Person, führt ein erstes vertrauliches Gespräch und begleitet die erste Einvernahme.
Ziel ist, dass der Zugang zu einer Verteidigung bereits zu Beginn des Strafverfahrens gewährleistet ist.
Vor Ort wartet bereits ein Ermittler. Die Einvernahme findet in einem kleinen Befragungszimmer statt. Nüchtern eingerichtet: mit Tisch, Stühlen, wenig Platz. «Die Räume sehen tatsächlich aus wie im Film», sagt Rodelli. «Wenn die verhaftete Person dann noch raucht, kann es schon ziemlich stickig werden.»
Als Brücke zur Aussenwelt
Der Fall ist eher Routine. Die beschuldigte Person wurde nicht zum ersten Mal verhaftet und nimmt den ganzen Prozess beinahe schon mit Gleichgültigkeit hin. Häufig trifft Rodelli jedoch auf Menschen in einer Ausnahmesituation: Sie wurden gerade festgenommen, wissen nicht, was auf sie zukommt, und haben keinen Kontakt zur Aussenwelt.
In diesen Momenten wird die Strafverteidigerin oft weit mehr als nur eine Anwältin – sie ist die einzige Verbindung nach draussen. Doch die Ungewissheit kann auch sie den Angehörigen nicht nehmen. Aus rechtlichen Gründen kann sie der Familie häufig nicht viel mehr mitteilen, als dass ihr Klient oder ihre Klientin in Haft ist.
Legende:
Fast abgeschottet: Strafverteidiger sind für viele Häftlinge in Untersuchungshaft häufig der einzige Kontakt nach draussen.
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Das kann frustrierend und manchmal auch belastend sein. Rodelli erinnert sich an eine Brasilianerin, die am Flughafen Zürich wegen Drogenschmuggels verhaftet wurde. «Weil ich Portugiesisch spreche, übernahm ich den Fall. Doch ich kam einfach nicht an die Kontaktdaten ihrer Familie.»
Die Angehörigen in Brasilien wussten lediglich, dass ihre Tochter verschwunden war. «Ich habe alles versucht, um die Familie zu erreichen. Aber es war Freitagabend und mir war klar, dass ich vor Montag von keiner Behörde die nötigen Informationen erhalten würde.»
Zwischen Apéro und U-Haft
Fälle wie dieser seien hart – und sie seien eher die Regel als die Ausnahme. Solche Momente würden einem immer wieder vor Augen führen, wie wertvoll die eigene Freiheit ist. «Man trifft den Klienten bei der Einvernahme, danach geht er in U-Haft und wir Anwälte in den Apéro», sagt Rodelli.
Ich weiss oft nicht, wie ich mich verabschieden soll. Ein schönes Wochenende kann man ja schlecht wünschen.
Beim Apéro mit der jungen Garde von «Landmann und Partner», in deren Büros auch Rodelli arbeitet, dreht sich die Diskussion genau um solche Fragen. «Ich weiss oft nicht, wie ich mich verabschieden soll. Ein schönes Wochenende kann man ja schlecht wünschen», sagt Loïck Himmelreich. Wie Rodelli ist auch er erst seit rund einem Jahr als Anwalt tätig.
Recht versus Gerechtigkeit
Ein Glas Wein später wird die Diskussion philosophischer. Das Gespräch dreht sich um die alte Frage nach dem Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. «Was machst du, wenn du weisst, dass dein Klient schuldig ist?»
Legende:
Anwalt Loïck Himmelreich kennt den Spagat: Während für einen Klienten gerade die Untersuchungshaft beginnt, geht für andere der Alltag weiter.
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Für Rodelli macht das keinen Unterschied. Eine Strafverteidigerin müsse für jeden Klienten das Bestmögliche herausholen und jederzeit 150 Prozent geben – unabhängig davon, was ihm vorgeworfen wird. «Was ich persönlich von einem Klienten halte, darf keine Rolle spielen», sagt sie.
Der Grundgedanke des Rechtsstaats zählt
Entscheidend sei, dass der Staat die Schuld einer Person beweisen müsse. Gelinge ihm das nicht, gelte die beschuldigte Person als unschuldig. Genau darauf beruhe der Grundged…
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