Der deutsche Auftakt zur Weltmeisterschaft ist gelungen: Nach dem souveränen 7:1 gegen die Karibikinsel Curaçao lösen sich die Formationen auf, Spieler tauschen Trikots, schütteln Hände, und einige ziehen bereits Richtung Kabine. Es sind die klassischen Bilder nach einem Länderspiel, das Zuhause ohnehin von den meisten als „Pflichtsieg“ betrachtet wurde. Doch während sich das Spielfeld leert, sammelt sich am Mittelkreis noch einmal eine kleine Gruppe von Spielern beider Mannschaften. Die deutschen Nationalspieler Felix Nmecha und Jonathan Tah treffen sich mit ihren zuvor unterlegenen Gegnern. Doch sie feiern nicht – sie bilden gemeinsam einen Kreis und beten.
Das Gebet am Mittelkreis
Die Szene dauert nur wenige Augenblicke. Dabei macht ausgerechnet ihre Selbstverständlichkeit die Situation so bemerkenswert – aus Gegenspielern werden für einen Moment Glaubensbrüder. Wenige Minuten später liefert dann Nmecha im ARD-Interview selbst die Deutung. Auf dem Platz seien die Teams Konkurrenten gewesen, erklärt er, nach dem Abpfiff aber „Brüder im Glauben“. Dann fügt er hinzu: „Vom Ergebnis her ist es natürlich schön für uns, aber auch im Ganzen glauben wir alle, dass Jesus verherrlicht wird durch das Spiel. Deswegen sind wir zusammengekommen und haben zusammen gebetet.“ Nach dem Spiel postete er auf Instagram zu Bildern vom WM-Auftakt noch: „Thank you Jesus!“
Genau das flog dem 25-Jährigen kurze Zeit später schon um die Ohren – zumindest wenn man einschlägigen medialen Stimmen Glauben schenkt. Im Berliner Tagesspiegel etwa wird Felix Nmecha nun als „streitbarer DFB-Spieler“ porträtiert. Dass ein Fußballer seinen Glauben öffentlich bekennt, wird darin nicht bloß beschrieben, sondern als Teil eines größeren gesellschaftlichen Konfliktfeldes analysiert. Der Gebetskreis am Mittelkreis ist nicht mehr eine spontane religiöse Geste nach dem Spiel, sondern Ausdruck eines Religionsverständnisses, das weit über das Private von Sportlern hinausgeht.
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Besonders Nmechas Satz, Jesus werde „durch das Spiel verherrlicht“, dient im Text als Ausgangspunkt einer weitergehenden Deutung: Aus dem Gebetskreis unter Spielern wird somit direkt eine bedenkliche Bühne missionarischer Botschaften. Und aus dem „streitbaren“ Nmecha wird eine Projektionsfigur, anhand derer man ganz grundsätzlich Fragen über die Rolle von Religion in der Öffentlichkeit klären müsse.
Der Streit um Felix Nmecha
Dass die Szene überhaupt eine solche Debatte auslöst, hat allerdings weniger mit dem Gebetskreis an sich zu tun. Die Debatte entzündet sich vor allem daran, dass der Betende Felix Nmecha heißt. Der Spieler von Borussia Dortmund steht bereits seit einiger Zeit unter Beobachtung, seit er 2023 auf Social Media Inhalte verbreitet hatte, die von Kritikern als homo- und transfeindlich bewertet wurden. Damals entbrannte rund um seinen Wechsel zu Borussia Dortmund eine heftige Diskussion über die Verbindung von konservativem Christentum, gesellschaftspolitischen Positionen und den Diversitätsansprüchen moderner Profivereine.
Im Zentrum der Debatte standen dabei insbesondere einige von Nmecha geteilte Inhalte aus dem Umfeld konservativ-religiöser Kommentatoren, darunter auch des amerikanischen Influencers Matt Walsh, dessen Positionen zu Gender- und LGBTQ gerade im stark säkularisierten deutschsprachigen Raum schon öfter Irritationen auslösten. Dass Nmecha entsprechende Inhalte verbreitet hat, wurde von Walsh-Gegnern daher schnell als ein Beweis für eine weltanschauliche Verbrüderung mit einem dezidiert konservativen, teils als kulturkämpferisch betrachteten US-Milieu. Zudem ist Nmecha einer der Posterboys der „Ballers in God“, einer informellen evangelikalen Fußballervereinigung, die vom früheren englischen Profi John Bostock ins Leben gerufen wurde.
Selektive Religionskritik
Die Kritik an Nmecha kann man aus religionskritischen Gründen selbstverständlich teilen. Dann darf man aber wiederum nicht mit zweierlei Maß messen, sobald es um die Zurschaustellung anderer Religionen als des Christentums geht. Die entscheidende Frage lautet doch: Warum geraten gerade christliche Glaubensbekundungen im deutschen Sport unter Beobachtung, während vergleichbare religiöse Symbolik, insbesondere muslimischer Ausprägung, innerhalb eines bestimmten selbstgerechten Journalistenmilieus deutlich weniger kritische Auseinandersetzung erfährt?
Die herrschende Doppelmoral ist offensichtlich: Islamisch geprägte Gebetsgesten nach Toren – etwa Niederwerfen oder Dankgebete – oder der „Dank nach Allah“ im Torjubel werden jenseits der oft deutlich kritischeren konservativen Medienhäuser vielerorts als authentischer Ausdruck von Identität und persönlicher Frömmigkeit verstanden. Insbesondere in der linksliberalen Berichterstattung werden derlei religiöse Ausdrucksformen oft stärker kontextualisiert als im gleichen Maße problematisiert. Sie gelten nicht selten als kulturell eingebetteter Bestandteil des „modernen, weltoffenen Fußballs“ und werden deutlich seltener zum Anlass einer ve…
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