Blog: Botanischer Garten
Neophyten: Wie Gärten Österreichs Pflanzenwelt verändern
Eingeführte Zierpflanzen überspringen den Gartenzaun und etablieren sich in Österreich und anderswo
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Michael Glaser
Franz Essl
Die Vegetation vor der Haustür wirkt vielen vertraut, doch wie die Forschung der letzten Jahrzehnte zeigt, ist sie im Wandel begriffen. Zwischen heimischen Arten stehen andere, unbemerkt hinzugekommene Gewächse. Auf welchen Wegen diese zu uns gefunden haben und welche Konsequenzen ihre Anwesenheit auf die Vegetation hat, erforschen wir an der Division of BioInvasions, Global Change & Macroecology der Universität Wien.
Gärten dienen exotischen Zierpflanzen als Sprungbrett in naturnahe Lebensräume.
Neubürger in der heimischen Flora
Man begegnet ihnen überall, ohne sie als solche zu erkennen: Pflanzen, die nicht "von hier" sind. Sie wachsen zwischen Pflastersteinen, auf Baustellen, entlang von Verkehrswegen – aber auch in naturnahen Lebensräumen. Oft bleiben sie lange unbemerkt, bis einzelne unter ihnen Schaden anrichten und sich dann kaum noch zurückdrängen lassen.
Diese Pflanzen haben einen Namen: Neophyten. Gemeint sind Arten, die seit 1492 durch den Menschen nach Österreich gelangt sind. Was lange als botanische Randnotiz galt, ist heute ein zentraler Bestandteil vieler Lebensräume. Über 1.600 solcher Arten sind mittlerweile in Österreich dokumentiert – das ist rund ein Drittel unserer Flora (ca. 3500 Arten gelten als einheimisch). Dahinter steht eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch beschleunigt hat.
Ein wesentlicher Treiber liegt näher, als es zunächst scheint: Zierpflanzen in Gärten. Exotische Zierpflanzen sind allseits beliebt, Trends wechseln, ständig werden neue Arten eingeführt. Gartencenter, Pflanzenmärkte und der internationale Onlinehandel sorgen für kontinuierlichen Nachschub – oft schneller, als ihre ökologischen Eigenschaften verstanden sind. Was als dekorative Bereicherung gedacht ist, endet jedoch nicht immer am Gartenzaun. Aus diesem Grund tauschen sich zum Beispiel Botanische Gärten in Österreich über das "Verhalten" ihrer Arten in Kultur aus. Denn viele dieser Pflanzen sind robust, anpassungsfähig und konkurrenzstark – Eigenschaften, die ihnen auch außerhalb unserer Gärten einen entscheidenden Vorsprung verschaffen, oft auf Kosten heimischer Arten.
Das unscheinbare Überall: Das Einjährige Berufkraut
Wenig auffällig, aber kaum zu übersehen – wenn man einmal darauf achtet – ist das Einjährige Berufkraut ( Erigeron annuus ). Die kleinen, weiß blühenden Pflanzen wirken unspektakulär, fast wie "normales" Straßenbegleitgrün. Sie wachsen an Wegrändern, auf Schotterflächen, in Städten und auf Brachen – oft in großer Zahl. Kaum jemand nimmt sie bewusst wahr, obwohl sie vielerorts das Bild prägen. Ihre enorme Samenproduktion und die Fähigkeit, selbst kleinste offene Stellen zu besiedeln, machen sie zu einem typischen Gewinner menschlich geprägter Landschaften. Das Einjährige Berufkraut steht damit für eine andere Form der Ausbreitung nichtheimischer Arten: nicht spektakulär, nicht unmittelbar problematisch, aber flächendeckend präsent. Veränderungen zeigen sich hier nicht durch einzelne dominante Arten, sondern als stille Verschiebung im Hintergrund – eine, die leicht übersehen wird.
Unscheinbar und weit verbreitet ist das Berufkraut.
Vom Garten auf die Baustelle: Der Sommerflieder
Im städtischen Alltag besonders sichtbar ist der Sommerflieder ( Buddleja davidii ). Seine auffälligen Blüten machen ihn zu einer beliebten Gartenpflanze, nicht zuletzt, weil sie Schmetterlinge anziehen. Gerade in Städten wie Wien lässt sich jedoch beobachten, wie er sich ausbreitet: auf Baustellen, entlang von Gleisanlagen oder in Mauerspalten. Dort wächst er ohne Pflege weiter, etabliert sich dauerhaft und wird Teil der spontanen Stadtvegetation. Seine Samen verbreiten sich weit und nutzen genau jene offenen, gestörten Flächen, die durch menschliche Eingriffe entstehen. Was als gezielte Pflanzung beginnt, setzt sich so unkontrolliert fort. Der Sommerflieder zeigt, wie schnell eine scheinbar harmlose Zierpflanze den Schritt in die freie Landschaft schafft – und wie schwer dieser Prozess wieder umkehrbar ist. Der Erfolg ist zum Schaden anderer Arten.
Gerne gepflanzt, aber von fraglichem Wert – der Sommerflieder.
Gewinnerin des Klimawandels: Die Paulownie
Ein anderes Muster zeigt die Paulownie ( Paulownia tomentosa ). Der schnell wachsende Baum mit großen Blättern und auffälligen Blüten wurde lange als Zier- und Zukunftsbaum geschätzt – robust, trockenheitsverträglich und vermeintlich gut kontrollierbar. Über Jahre blieb er unauffällig, meist auf einzelne Pflanzungen beschränkt. Doch genau darin liegt das Problem: Zwischen Einfuhr und Ausbreitung kann viel Zeit vergehen. Erst wenn ausreichend Individuen vorhanden sind, geeignete Standorte entstehen und klimatische Bedingungen passen, beginnt die ei…
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