Mit fünf Schüssen, aus nächster Nähe und am helllichten Tag wurde der oppositionelle russische Künstler Semjon Skrepezki nach Angaben der polnischen Staatsanwaltschaft getötet. Skrepezki wurde in der Stadt Biala Podlaska unweit der Grenze zu Belarus erschossen.
Mutmaßlicher Täter nicht gefasst
Der mutmaßliche Täter konnte bislang nicht festgenommen werden, teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Lublin, Marcin Kozak mit. Nach Angaben der Behörde wurde Skrepezki am 15. Juni gegen 9.50 Uhr in der Nähe von seiner Wohnung in Biala Podlaska von einem Unbekannten ermordet. Drei der fünf Schüsse trafen Skrepezki, als er bereits am Boden lag. Skrepezki starb noch am Tatort, der Täter flüchtete. Am Tatort wurden fünf Patronenhülsen und ein Geschoss des Kalibers 9 mm Luger gefunden.
Es ist die gleiche Munition, die auch 2019 in Berlin beim so genannten "Tiergartenmord" am tschetschenischen Feldkommandeur Zelimkhan Khangoshvili verwendet wurde. Auch der zur Ukraine übergelaufene russische Hubschrauberpilot Maxim Kusminow wurde 2024 in Spanien mit einer Waffe des gleichen Kalibers erschossen, berichtet das unabhängige russische Portal Agentstwo.
Ein politisch motivierter Mord?
Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen politischen Mord handele, sagte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk am 17. Juni auf einer Pressekonferenz. Dennoch müsse man die Beweisaufnahme und weitere konkrete Hinweise abwarten. Sollte es sich um einen im Auftrag Russlands verübten Mord handeln, wäre dies ein sehr ernster Fall von internationaler Bedeutung, so Tusk. "Das wäre Staatsterrorismus", fügte er hinzu.
Polnische Medien bezeichnen Skrepezki als "Kritiker Putins" und stellen ebenfalls die Frage nach einem möglichen Auftragsmord. "Es sah aus wie eine Hinrichtung", sagte ein mit den Umständen des Falls vertrauter Beamter dem polnischen Nachrichtenportal Onet.
Auch der belarussische Aktionskünstler Wlad Bokhan, der kurz vor Skrepezkis Tod mit ihm in Kontakt war, glaubt, dass der Mord politisch motiviert sein könnte. Dieser Mord diente "nicht nur der Ausschaltung einer Person, sondern auch der Einschüchterung. Er sendet ein Signal an diejenigen, die ähnliche Tätigkeiten ausüben", so Bokhan gegenüber der DW.
Letzter Telegram-Post zeigt Screenshots mit Drohungen
Semjon Skrepezki hieß mit bürgerlichem Namen Robert Kuzowkow. Er wurde 1981 in Russland geboren und lebte bis 2021 in der sibirischen Region Altai. Danach floh er aus Angst vor politischer Verfolgung nach Polen und erhielt dort einen Schutzstatus.
Polnische Polizisten unweit des Tatorts von Semjon Skrepezki in Biała Podlaska am 15. Juni 2026 Bild: Wojtek Jargilo/PAP/dpa/picture alliance
Bekannt war Skrepezki vor allem für seine politischen Karikaturen, unter anderem vom russischen Präsidenten Wladimir Putin , von Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow , dem verstorbenen russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny oder dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko . Zudem führte er in verschiedenen Städten Europas Protestaktionen durch. Der letzte Beitrag, den Skrepezki wenige Stunden vor seinem Tod in seinem Telegram-Kanal veröffentlichte, bestand aus Screenshots von Drohungen nach seiner jüngsten Aktion vor der russischen Botschaft in Berlin am 12 Juni.
Während der Aktion hielt der Künstler eine seiner Karikaturen in den Händen. Das Bild zeigte den sowjetischen Diktator Josef Stalin, der den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Kleinkind in seinen Armen wiegt. Aus einem Loch in Skrepezkis Hose ragte eine russische Flagge, die er über den Boden schleifte. Anschließend warf Skrepezki die Fahne in eine Mülltonne.
Kollegen: Skrepezki erhielt ständig Drohungen
"Ich denke, nach dieser Aktion in Berlin hat jemand den Befehl gegeben, ihn zu beseitigen", vermutet Andrej, ein Aktivist der belarussischen Diaspora in Biała Podlaska. Seinen richtigen Namen will Andrej nicht öffentlich nennen - aus Sicherheitsgründen. Andrej lernte Skrepezki 2021 kennen. Damals hatte dieser wiederholt an Antikriegsprotesten teilgenommen, die Belarussen und Ukrainer in der Stadt organisierten.
Zum letzten Mal sah Andrej den Künstler in der vergangenen Woche. Er habe den Eindruck gehabt, dass Skrepezki "etwas Angst" gehabt habe. Zugleich beschreibt er im DW-Interview Biala Podlaska als ruhige und sichere Stadt und meint, Skrepezki habe sie gerade deshalb als Wohnort gewählt. "Es gibt hier keine Geheimnisse. Du kennst jedes Auto, jeden Menschen," so Andrej. "Skrepezki hat fünf Kinder, seine Frau ist jetzt mit dem sechsten schwanger, und hier in der Kleinstadt ist es für eine große Familie einfacher zu leben".
Laut dem belarussische Aktionskünstler Wlad Bokhan beschäftigte sich Skrepezki zuletzt besonders intensiv damit, neue Straßenaktionen zu organisieren: "Wir haben weniger als 24 Stunden vor dem Mord miteinander gesprochen. Er sprach über neue Ideen und schlug vor, etwas gemeinsam zu machen - in Warschau oder in Berlin. Er wollte weiterarbeiten und schmiedete Pläne."
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