Die 16. Ausgabe der Manifesta , der europäischen Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst und Stadtentwicklung, findet in diesem Jahr im Ruhrgebiet statt. Der Titel des Hauptprogramms lautet "Das ist keine Kirche": Hier gestalten internationale Künstlerinnen und Künstler Auftragsarbeiten für zwölf leerstehende Kirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen. So inszeniert etwa Emil Walde in der Duisburger Liebfrauenkirche eine raumgreifende Installation aus alten, beschädigten Drahtglasfenstern des Duisburger Hauptbahnhofs, die in den Beichtstühlen der Kirche neu arrangiert werden. Und in St. Anna (Gelsenkirchen) ist eine Ausstellung mit Werken von unter anderem Ming Wong, Philipp Gufler und Cana Bilir-Meier zu sehen. Zum Programm gehört am selben Ort auch ein Treff für alle, die schon einmal in einer Kirche Basketball spielen wollten.
Kirchen ohne Funktion
Der Mitgliederschwund der katholischen und evangelischen Kirchen macht auch vor den Gemeinden des Ruhrgebiets, dem größten Ballungsraum Deutschlands, nicht Halt: Dutzende Gotteshäuser pro Jahr werden derzeit profaniert. Sie haben nach wenigen Jahrzehnten ihre eigentliche Funktion verloren, doch ihre Architektur ist noch immer ein Spiegel der Zeit, in der sie gebaut wurden.
Heute ein viel genutzter Treffpunkt von Anwohnern und Kunstszene: die St. Bonifatius-Kirche in Gelsenkirchen (Baujahr 1963) Bild: Thomas Schmidtke/Funke Foto Services/IMAGO
Im Zweiten Weltkrieg war das westlich gelegene Ruhrgebiet immer wieder Ziel alliierter Bombenangriffe - nicht nur auf die dort ansässige Industrie, sondern auch auf die Innenstädte. Mit ihrer Zerstörung wollte man die Moral der Bürger schwächen. Die Schäden waren immens: Nach Kriegsende lagen ganze Stadtteile von Dortmund, Gelsenkirchen oder Bochum in Schutt und Asche, die meisten Innenstädte waren größtenteils zerstört oder schwer beschädigt. Auch die Kirchen waren nicht verschont geblieben. Zwar lag der Fokus beim Wiederaufbau vor allem darauf, möglichst schnell Wohnraum zu schaffen, doch auch Kirchen als Orte des Glaubens, des Trosts und der Begegnung waren wichtig.
Moderne Kirchenarchitektur als Aushängeschild der BRD
Hier konnte die junge Bundesrepublik (in der sozialistischen DDR wurden deutlich weniger Kirchen gebaut) auf eine große Zahl an Architekten zurückgreifen, die sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg vom Historismus verabschiedet und der Moderne zugewandt hatten. Angetrieben von gesellschaftlichen Umbrüchen und der verfassungsmäßigen Trennung von Kirche und Staat hatte sich damals eine hochexperimentelle Phase des sakralen Bauens entwickelt. Viele dieser Architekten machten sich nun wieder ans Werk - für das Land auch aus politischen Gründen ein Glücksfall: "Die Bundesrepublik konnte sich damit auch international als ein progressives, offenes, modernes Land präsentieren”, sagt Manuela Klauser, Kunsthistorikerin und Mitglied der Forschungsgruppe Sakralraumtransformation an der Uni Bonn. Gerade im eher konservativen Kontext der Kirche habe man sich auf eine Zeit vor dem NS-Regime berufen können, "in der Deutschland diese offene Ideen schon vertreten hat, lange bevor alle anderen Länder das getan haben."
Als US-Truppen 1945 die Ruhr überquerten, trafen sie auf viele zerstörte Ortschaften Bild: akg-images/picture alliance
Und so rekonstruierten Architekten zerstörte oder beschädigte historische Kirchen, planten neue Gotteshäuser und ließen sie errichten. Etliche der katholischen hat Rudolf Schwarz (1897 - 1961)konzipiert. Er notierte dazu 1957: "Wir bauen augenblicklich fast nur Kirchen, es ist jedes Mal eine schwere und verzweifelte Arbeit. Man möchte meinen, allmählich könnten wir das, aber in Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt, es wird jedes Mal schwerer." Die hohe Dichte an Kirchen im Ruhrgebiet wurde von den Bischöfen ausdrücklich gewünscht, rund 1000 wurden gebaut. "Pantoffelkirchen" nannte man sie - erreichbar für alle Gemeindemitglieder in wenigen Minuten, zur Not auch in Pantoffeln, wenn man sonntags zu lange geschlafen hatte und schnell noch rechtzeitig zum Gottesdienst kommen wollte: "Die Kirche sollte das Herzstück ihres Lebens sein”, erklärt Manuela Klauser. "Dabei ging es nicht nur um den regelmäßigen Besuch Gottes, sondern ganz pragmatisch um soziale Angebote, die kleinere Einheiten von Nachbarschaften miteinander verknüpften, wie Stadtbibliotheken oder Senioren- und Kinderangebote."
Kirchen als Bausatz: Die Bartning-Notkirchen
Frisches Baumaterial war rar, was es dagegen im Überfluss gab, waren Schutt und Trümmersteine der Vorgängerbauten. Also griff man darauf zurück. So etwa bei der evangelischen Gethsemane-Kirche in Bochum, einer von 43 sogenannten Bartning-Notkirchen in Deutschland, benannt nach ihrem Architekten Otto Bartning (1883 - 1959). Er war wie Rudolf Schwarz einer der bedeutenden Vertreter des modernen Kirchenbaus in der Weimarer Republik und nach 1945. Das Besondere an den Bartning-Notkirchen: Sie wurden als Bausatz geliefert.
Eine Bartning-Notkirche: die Gethse…
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