Erstaunlicher Fallbericht
Magic Mushrooms führten zum Erwachen einer Frau im Alzheimer-Spätstadium
Eine über 80-jährige Demenzkranke zeigte nach Psilocybin vorübergehend deutliche Verbesserungen. Der Einzelfall belegt keine Heilung, bestätigt jedoch bisherige Ergebnisse
Thomas Bergmayr
Psilocybin, der Wirkstoff solcher Pilze, rückt in der Erforschung psychischer und neurologischer Erkrankungen zunehmend in den Fokus.
Es war kurz vor halb vier Uhr morgens, als die Frau von selbst erwachte und zu reden begann. Nicht in einzelnen Silben, wie seit Jahren, sondern in ganzen Sätzen. Fast vier Stunden lang sprach sie, erkannte Familienmitglieder und erzählte aus ihrem eigenen Leben. Es war der Beginn einer Reihe von Beobachtungen, die ein brasilianisches Team im Fachjournal Frontiers in Neuroscience schildert und die wissenschaftlich an frühere Erkenntnisse anknüpfen.
Die Patientin war mehr als 80 Jahre alt, japanisch-amerikanischer Herkunft, und litt seit rund zehn Jahren an Symptomen der Alzheimer-Demenz . Ab der zweiten Hälfte dieser Zeit hatte sich ihr Zustand drastisch verschlechtert. Sie war inkontinent, konnte ohne Hilfe nicht mehr gehen, hatte Schluckbeschwerden, zeigte kaum noch emotionalen Ausdruck und verständigte sich fast nur über einzelne Laute. Sie war rund um die Uhr auf Pflege angewiesen.
Hohe Dosis Pilze
Diese Form der fortgeschrittenen Demenz gilt als Einbahnstraße. Fachleute rechnen ab diesem Punkt nicht mit einer Besserung. Im Rahmen einer Intervention, die die Forschenden um Marcos Lago aus São Paulo ausdrücklich als anekdotische Beobachtung beschreiben, erhielt die Frau psilocybinhaltige Pilze. Der Wirkstoff der "Magic Mushrooms" wird mittlerweile auch in klinischen Studien zu Depressionen und Angststörungen untersucht. Die erste Dosis bestand aus fünf Gramm der Sorte "Enigma", oral verabreicht. Es handelt sich um eine vergleichsweise hohe Dosis, gemessen an dem, was in der modernen Forschung üblich ist.
In den Stunden danach reagierte ihr Körper heftig. Das Pflegepersonal beobachtete Fieber, starkes Schwitzen und einen tiefen, anhaltenden schlafähnlichen Zustand. Exakte Temperaturmessungen gab es nicht, die körperlichen Zeichen waren aber unübersehbar. Erst etwa 19 Stunden nach der Einnahme, gegen halb vier Uhr morgens, wachte sie auf und begann das eingangs geschilderte lange Gespräch.
Erwachen in Zeitlupe
Dann folgte etwas, das einem Erwachen in Zeitlupe glich. Am ersten Tag besserte sich ihre Aufmerksamkeit, sie erkannte Angehörige wieder, am folgenden Tag ging sie bereits wieder selbstständig. Am dritten Tag kleidete sie sich selbst an und zeigte aus eigenem Antrieb Initiative – Dinge, die sie seit Jahren nicht mehr getan hatte. Auch ihre Inkontinenz verschwand.
Am sechsten und siebten Tag stellte sie wieder sinnvolle Fragen. "Wo ist Celso hingegangen?", wollte sie etwa wissen und bezog sich damit korrekt auf eine reale Person. Sie benannte ein Fahrzeug richtig, hielt Blickkontakt, lächelte ihr Gegenüber an. In sämtlichen Verhaltensweisen, die das Personal und die Fachleute beobachteten, wirkte sie präsenter als seit langem.
Einen Monat nach der ersten Sitzung hatte sich ihr Zustand teilweise wieder verschlechtert, ein Teil ihrer Besserung war aber noch zu sehen. Vor allem die Harninkontinenz blieb weiterhin aus. Daraufhin folgte eine zweite, überwachte Verabreichung, diesmal mit drei Gramm. In dieser Sitzung beschrieb die Frau emotional lebhafte, positive Bilder – etwa, wie sie mit ihrem Sohn auf einer friedlichen Insel surfte. Sie machte Witze, bewegte sich leichter und ihr Gesicht wirkte lebendiger als zuvor. Spontan sagte sie: "Es ist angenehm, hierher zu kommen."
Keine dauerhafte Verbesserung
Die beobachteten Veränderungen beider Sitzungen betrafen mehrere Bereiche zugleich: Motorik, Gedächtnis, emotionale Reaktionsfähigkeit, Selbstfürsorge, Blasenkontrolle, soziale Wahrnehmung und Sprache. Für Lago und seine Kolleginnen und Kollegen stach die zurückgekehrte Harnkontinenz besonders heraus. Denn um diese Kontrolle wiederzuerlangen, muss das Gehirn mehrere Systeme gleichzeitig koordinieren; es sind jene Abläufe, die bei Alzheimer typischerweise als Erste versagen. Die Besserung ihrer Symptome war letztlich nicht von Dauer. Im Laufe der folgenden Wochen verlor die Frau die vorübergehend gewonnenen Fähigkeiten wieder.
Das Team betont ausdrücklich, dass es sich bei dem geschilderten Fall um keine Heilung handelt, nicht einmal um eine Verlangsamung der Erkrankung. Die Schäden, die sich über Jahre im Gehirn angesammelt hätten, seien nicht rückgängig gemacht worden. Dass es sich um eine Einzelbeobachtung handelt, erschwert es besonders, verlässliche Schlüsse zu ziehen. Es ist möglich, dass die Besserungen bei der alten Dame Zufall waren, eine natürliche Schwankung, die zeitlich zusammenfiel, denn auch fortgeschrittene Alzheimer-Demenz verläuft nicht völlig gleichförmig.
Ob psilocybinhaltige Pilze bei Demenz helfen können, ist bislan…
Read the full article at Der Standard →