Künstlerische Sabotage : Eindringen, mitessen, stören
Die Berliner „Parasite School“ will globale Großkonzerne hacken und verändern. Die taz begleitet das riskante Projekt ein Jahr lang beim Intervenieren.
Parasite Artists vor dem „Penthaus à la Parasit“, das nun als „Penthaus à la Wirth“ als Headquarter genutzt wird
Johannes-Andreas Rau
Mittwochnachmittag in der Papierstraße, im Innenhof des selbstorganisierten Projektraums „Make-up“, einer ehemaligen Tischlerei in Gesundbrunnen, dort, wo Berlin schon fast Reinickendorf wird und die Stadt noch im Übergang ist. Auf dem Tresen einer roh überdachten Outdoorküche stehen zwischen Notizzetteln leere Teetassen und gefüllte Obstschalen, weiter hinten baut jemand einen neuen Schuppen. Mittendrin sitzen Jakob-Margit Wirth und Matilde Outeiro, die beiden Kurator*innen der Parasite School, gleichermaßen erschöpft und zufrieden.
Hinter ihnen liegt eine dicht besuchte Kick-off-Veranstaltung mit zahlreichen Vorträgen und Gesprächen am vergangenen Sonntag im Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U), drei Tage Workshop unter Ausschluss der Öffentlichkeit; vor ihnen liegt ein Symposium am kommenden Wochenende und danach ein Jahr, in dem sich das Projekt erst entwickeln muss, in dem man schaut, wie seine unverschämte Kernidee funktionieren wird. Sechs Künstler*innen aus verschiedenen Teilen der Welt werden in Berlin und anderswo in Unternehmen und Institutionen eintauchen: in eine große Distributionsfirma, eine Unternehmensberatung, ein Jobcenter, eine Rückkehrberatungsstelle, eine Social-Media-Agentur und ein Geldtransportunternehmen. Sie wollen dort nicht nur beobachten und Material sammeln, sie wollen stören, verschieben, verändern.
Damit ist die Parasite School mehr als investigativer Journalismus mit künstlerischem Überbau. Natürlich geht es auch darum, das, was Wirth das „Herz des Kapitalismus“ nennt, sichtbarer zu machen. Aber die Schule will weitergehen. Sie fragt, ob man ein Unternehmen parasitieren kann, indem man etwa einen Betriebsrat gründet, Arbeitsprozesse hackt, ökologische Maßnahmen einschleust oder das System heimlich sozialer macht, als es das selbst je geplant hatte.
Das Symposium
Am Samstag geht es von 14 bis 21 Uhr auf dem Parasite-Symposium um Politik und Ästhetik; neben anderen sprechen Matilde Outeiro und Jakob-Margit Wirth über ihr Projekt und die Wirtschaftswissenschaftlerin Jana Costas von der Europa-Universität Viadrina darüber, wie sie undercover in einem deutschen Reinigungsunternehmen gearbeitet hat.
Am Sonntag geht es von 14 Uhr und ohne Ende auf dem Parasite-Symposium um Ethik und emanzipatorische Facetten des Parasitären, unter anderem sprechen Tonia Andresen von der Hochschule für Bildende Künste über queere Parasiten und Kuratorin Jen Clarke über Lärm und Zögern des Parasiten.
Wo und wie? Diffrakt, Zentrum für Theoretische Peripherie, Crellestraße 22 in Schöneberg. Der Eintritt ist frei, Registrierung unter register@parasiting.net.
Der Aufwand ist entsprechend enorm. Für die beteiligten Künstler*innen gibt es Anwält*innen, Psycholog*innen, einen Notfallfonds und weitere Auffangstrukturen, falls etwas schiefgeht. Zu den Mentor*innen gehören namhafte Figuren wie Anna Watkins Fisher vom King’s College London , die viel Kluges über parasitäre Strategien in der Kunst geschrieben hat, sowie die Berliner Guerilla Architects , die mit Projekten wie dem „City Data Walk“ rund um den Mercedes-Benz-Platz die private Kontrolle vermeintlich öffentlicher Räume untersucht haben. Die Künstler*innen selbst müssen anonym bleiben, denn wer erkannt wird, bevor das Eindringen überhaupt gelungen ist, ist kein Parasit mehr.
Penthäuser für die Nachbarschaft
Am plastischsten hat Wirth die Methode des Parasitierens bei der Kick-off-Veranstaltung im ZK/U erklärt. In Berlin ist Wirth längst keine*e Unbekannte*r mehr. 2019 stellte Wirth das „Penthaus à la Parasit“ auf das Dach eines Neuköllner Mietshauses, wohnte dort auf 3,6 Quadratmetern, organisierte Treffen mit Aktivist*innen und Nachbarschaftskonzerte und bot das verspiegelte Gebilde, das darum kaum sichtbar war, zugleich auf Immobilienplattformen zur Vermietung ein. Ein paar Jahre später besetzte Wirth mit beweglichen Podesten Parkplätze und richtete temporäre Wohnzimmer auf brachliegenden Signa-Baustellen ein.
Anders als klassische subversive Kunst, die ihre politischen Absichten meist offen ausstellt, bleibt parasitäre Kunst heimlich
Auf dem Podium des ZK/U berichtet Wirth mit jener trockenen Komik, die entsteht, wenn jemand Dinge tut, die absurd wirken, aber leider nur deshalb, weil die Realität, in die sie eingreifen, noch absurder ist. Die Figur des Parasitären, sagt Wirth, ist gerade deshalb spannend, weil sie einfache Gegensätze wie gut und böse verweigert. Anders als klassische subversive Kunst, die ihre politischen Absichten meist offen ausstellt, bleibt parasitäre Kunst heimlich. Sie lebt vom Wirt, an den sie sich heftet, und bewegt sich zwischen Anpassung, Störu…
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