Überraschender Nebeneffekt
Kann die Abnehmspritze für weniger Kriminalität sorgen?
Bessere Impulskontrolle, weniger Substanzmissbrauch: GLP-1-Wirkstoffe könnten auch für die Sicherheit eine Rolle spielen. Erste Studien dazu wurden bereits durchgeführt
Immer mehr Studien beleuchten die Folgen von neuartigen Abnehmmedikamenten.
Eine Spritze ist in aller Munde: Ozempic, Wegovy und Co. werden seit vielen Monaten verschrieben, um Menschen beim Abnehmen und beim Umgang mit Typ-2-Diabetes zu helfen. Ihre Wirkung kann daher in entsprechend großem Umfang getestet werden. Dabei stoßen Forschungsteams auf diverse nützliche Nebeneffekte. Die Wirkstoffe aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten dürften etwa das Risiko für mehrere Krebsarten senken , die mit Adipositas in Verbindung stehen. Und während die Medikamente bei Frauen besser wirken dürften als bei Männern , deuten vorläufige Review-Studien darauf hin, dass GLP-1-Behandlungen auch die Spermienqualität verbessern und das Testosteronniveau steigern können.
In der Suchtforschung ist die Abnehmspritze ebenfalls zu einem Thema geworden. Nicht nur bei Essstörungen, sondern auch bei Alkohol- und anderen Drogenabhängigkeiten. Denn die GLP-1-Wirkstoffe bringen Veränderungen im Gehirn mit sich und dürften sich auf das Belohnungssystem und die Impulskontrolle auswirken, die bei Süchten eine wichtige Rolle spielen. Neben dem Verlangen nach Essen kann auch jenes nach Opioiden, Nikotin, Cannabis und Co. gedrosselt werden. Eine aktuelle Forschungsarbeit zeigte, dass adipöse Suchtkranke in GLP-1-Behandlung seltener große Mengen an Alkohol tranken: Die Tage mit starkem Alkoholkonsum nahmen ab.
Seltenere Eskalation
Das ruft wiederum die Kriminologie auf den Plan. Daniel Semenza und Christopher Thomas von der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey wollten wissen, ob der Einfluss auf Alkoholkonsum und Impulskontrolle gewalttätiges kriminelles Verhalten beeinflusst. Im Fachjournal Criminology beschreibt das Duo die durchgeführte Umfrage, die für die USA repräsentativ war. Mehr als 800 Personen, die bereits GLP-1-Medikamente genutzt hatten, wurden befragt.
Die Forscher verglichen die Antworten zweier Gruppen: jener, die derzeit Abnehmspritzen nutzten, und jener, die dies in der Vergangenheit getan hatten. Hatte sich ihre Beziehung zu Alkoholkonsum, Impulsivität und gewalttätigem Verhalten – etwa Schlägereien oder Raubüberfällen – verändert?
"Das aussagekräftigste Ergebnis der Studie war, dass der gut belegte Zusammenhang zwischen Impulsivität und gewalttätigem Verhalten bei aktuellen GLP-1-Anwendern im Vergleich zu ehemaligen Anwendern deutlich schwächer ausgeprägt war", sagt Semenza. Das bedeutet: Selbst wenn ein Nutzer von Abnehmspritzen Alkohol trinkt oder impulsiv handelt, ist es weniger wahrscheinlich, dass die Situation in gewalttätiges kriminelles Verhalten eskaliert.
Einschränkungen
Dies lässt sich jedenfalls aus den Antworten ableiten. Wie immer besteht die Schwierigkeit bei solchen Fragebogenstudien darin, ob die Testpersonen ihr Verhalten tatsächlich ihrem Alltag entsprechend beschreiben oder beispielsweise erwünschte oder erwartete Reaktionen liefern. Zudem lässt sich keine Kausalität ableiten.
Der Befund war vor allem in Bezug auf Impulsivität konsistent, bei Alkoholkonsum hingegen weniger ausgeprägt. Im Gegensatz zur Vergleichsgruppe hatten aktuelle GLP-1-Patienten einen um 62 Prozent schwächer ausgeprägten Zusammenhang zwischen Impulsivität und gewalttätigem Verhalten. Beim Konnex zwischen Alkoholkonsum und gewalttätigem Verhalten lag dieser Wert bei 52 Prozent, dieses Ergebnis fiel in den Analysen jedoch weniger konsistent aus.
Vergleich mit Verhaltenstherapie
Für Semenza und Thomas deuten die Ergebnisse dennoch darauf hin, dass GLP-1-Wirkstoffe dazu beitragen könnten, dass bekannte Risikofaktoren seltener zu Gewalt führen. Die Medikamente wirkten womöglich "ähnlich wie eine kognitive Verhaltenstherapie", sagt Thomas. Sie würden nicht die Impulsivität selbst beseitigen, aber wohl dafür sorgen, dass der Pfad vom Impuls zur Handlung seltener genutzt wird.
Es gibt bereits Ärztinnen und Ärzte, die Abnehmspritzen bei Substanzabhängigkeiten verschreiben, obwohl sie für diesen Zweck keine Zulassung haben. Sofern eine solche in den nächsten Jahren kommt, müssen zuvor noch einige Studien den signifikanten Nutzen nachweisen . Nicht alle Betroffenen dürften gleichermaßen von dem Medikament profitieren, bei manchen Patientengruppen scheint es besser zu funktionieren als bei anderen. Doch die Ergebnisse deuten in eine vielversprechende Richtung.
Auch die Verknüpfung mit kriminellem Verhalten müsse mit künftigen Längsschnitt- und experimentellen Studien genauer untersucht werden, um die Mechanismen und ein mögliches Absenken des Gewaltrisikos zu begreifen, wie die Autoren vorschlagen. "Da GLP-1-Medikamente eine immer weitere Verbreitung finden, ist es wichtig, alle ihre potenziellen Auswirkungen auf das Verhalten zu verstehen, ein…
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