Welche Rolle spielen Denken, Fühlen und Emotionen in einer Demokratie? Diese Frage steht beim "Tag der Parlamentsforschung", den die Parlamentsdirektion am 16. Juni veranstaltet, im Mittelpunkt. Die Historikerin Ute Frevert wird über das Parlament als emotionalen Raum referieren. Ein Gespräch über politische Leidenschaft, Ressentiments und die Frage, welche Gefühle eine Demokratie dringend braucht.
STANDARD: Politische Debatten wirken derzeit oft gereizt, aggressiv, angstbeladen. Täuscht dieser Eindruck, oder erleben wir tatsächlich ein emotionaleres politisches Zeitalter?
Frevert: Emotion sells – nicht nur in der Politik, sondern auch in Medien und Konsumkultur. Weil das so ist, werden Gefühle bewusst eingesetzt und inszeniert. Das hat auch mit veränderten medialen Strukturen zu tun. Viele Abgeordnete sprechen heute aus dem Parlament heraus – nicht mehr zu den Mitgliedern anderer Fraktionen, sondern per Social Media zu ihrer Community. Die bekommt die emotionalen Höhepunkte der Debatte zugespielt, starke Worte, expressive Gesten, leidenschaftlicher Ton. Das macht und hinterlässt Eindruck, erregt Aufmerksamkeit. Je zugespitzter, antagonistischer, kämpferischer, desto mehr.
STANDARD: Sie forschen zur Gefühlspolitik. Wie hat sich die politische Streitkultur verändert?
Frevert: Hat sie sich wirklich verändert? Politische Gegensätze gibt es seit Beginn des Parlamentarismus und der modernen Demokratie. Bürger, die als Wähler, später auch als Wählerinnen, Politik mitbestimmen können, hegen unterschiedliche Interessen, und ihre Repräsentanten setzen diese Kontroversen politisch in Szene. Dabei ging es schon im 19. Jahrhundert ordentlich zur Sache. Im österreichischen Reichsrat flogen die Fetzen, dann hagelte es Duellforderungen. Im Weimarer Reichstag prügelte man aufeinander ein, Nationalsozialisten taten sich dabei besonders hervor. So weit sind wir heute noch nicht wieder, zumindest hierzulande nicht. Aber dass politisch mit harten Bandagen gekämpft wird, dass politische Positionen und Interessen kämpferisch-antagonistisch präsentiert werden, ist nichts Neues.
STANDARD: Warum sind Gefühle politisch so wirksam?
Frevert: Emotionen sind ein effizientes Kommunikationsmedium und besitzen eine hohe Aktivierungskraft. Sie sind ausdrucksstark und in Haltung, Mimik und Gestik unmittelbar lesbar. Sie senden Botschaften aus, die keine großen Worte brauchen und bei den Adressaten unmittelbar ankommen. Menschen erkennen sich in den Gefühlen anderer, der Funke springt über. Hinzu kommt, dass Gefühle heute – fälschlich – als authentisch gelten, als Ausdruck wahrer Menschlichkeit. Wer Gefühle zeigt, gilt automatisch als wahr und unverfälscht. Und gewinnt dadurch an Überzeugungskraft und Anschlussfähigkeit.
STANDARD: Gefühle lassen sich auch manipulieren. Wo liegt die Grenze zwischen legitimer emotionaler Ansprache und politischer Instrumentalisierung?
Frevert: Zunächst sollte man sich daran erinnern, dass Gefühlspolitik keine Erfindung der Rechten ist. Alle Parteien haben Gefühle mobilisiert und tun das bis heute. Schon das Wort Wahlkampf zeigt, dass man mit vollem Einsatz um Wählerinnen und Wähler ringt. Wie weit man im Kampf geht, ist zeitabhängig. Die Nationalsozialisten zogen alle emotionalen Register. Nach 1945 waren viele Menschen der ständigen Emotionalisierung überdrüssig. Sie wollten mehr Nüchternheit, mehr Argumente, weniger emotionale Überwältigung. Gleichzeitig bediente sich die antikommunistische Rhetorik in Westdeutschland oder Österreich hemmungslos aus dem Angst- und Ekel-Repertoire des NS. In den 1960er-Jahren brach die Studentenbewegung mit dem antikommunistischen Affekt und dem Gestus der Sachlichkeit. Man engagierte sich für die internationale Solidarität, empörte sich über den amerikanischen Imperialismus. Die RAF als linksterroristische Bewegung predigte Hass auf und Verachtung für das kapitalistische "Schweinesystem". Auch die sozialen Bewegungen der 70er- und 80er-Jahre – Feminismus, Friedens- und Ökologiebewegung – hantierten mit Gefühlen wie Angst und entwickelten daraus politische Forderungen. In der queeren Szene verwandelte man Scham in Stolz und ging damit auf die Straße. Gefühle wurden hier basisdemokratisch als politisches Argument eingesetzt, ohne "von oben" instrumentalisiert zu werden.
STANDARD: Sie beschreiben Politikerinnen und Politiker als "Gefühlsmanager". Arbeiten autoritäre Politiker gezielter mit Emotionen?
Frevert: Interessant ist, welche Gefühle unterschiedliche politische Lager mobilisieren. Studien zeigen, dass auf der extremen Rechten Politik mit Wut gemacht wird. Dort heißt es: Ihr könnt wütend sein, ihr dürft, ihr müsst wütend sein – auf ein System, das euch nicht für voll nimmt und verachtet. Diese Orientierung auf aggressive Gefühle ist in der Kommunikation rechter Parteien deutlich erkennbar; man weiß, dass Wut eine hohe Mobilisierungskraft besitzt. Parteien der "Mitte" betreiben auch Gefühlspolitik, aber weniger aggressiv und destruktiv.
STANDARD: Warum?
Frevert: Weil sie we…
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