Wien
Hernalser Buchhandlung schließt nach 135 Jahren: "Es war ein zu teures Hobby"
Die letzte klassische Buchhandlung im 17. Wiener Bezirk sperrt zu. Für das Grätzl geht eine Institution verloren. Inhaberin Jelena Deretić wird vor allem die Menschen vermissen
Clara Wutti
Jelena Deretić übernahm die Buchhandlung 2017.
So viele Menschen waren vermutlich noch nie in Jelena Deretićs Buchgeschäft. Die Glocke an der Tür, die man an manchen Tagen kaum zu hören bekam, klingelt heute ununterbrochen. Dabei hatte Deretić die Abschiedsfeier gar nicht groß angekündigt, nur ein paar Stammkundinnen und -kunden davon erzählt. Und die kamen. Sie überreichen der Buchhändlerin Blumensträuße, umarmen sie, bedanken sich.
Für viele war Bookpoint, das kleine Geschäft in der Kalvarienberggasse, mehr als nur ein Ort, um Bücher zu kaufen: Es war ein sozialer Treffpunkt, eine Anlaufstelle für gute Beratung, eine Institution für das Grätzl. Darüber sind sich alle Gäste, mit denen der STANDARD in dem Geschäft sprechen konnte, einig. Nun schloss die letzte Buchhandlung in Hernals – abgesehen von einer russischsprachigen, ebenso in der Kalvarienberggasse – ihre Türen.
"Ich geh nicht zum Thalia"
Stammkundin Susanne hat davon zufällig erfahren, als sie ein Buch bestellen wollte. "Das hat mich wirklich traurig gemacht. Ich habe extra immer hier bestellt, eben damit diese Buchhandlung bleibt", sagt die 63-Jährige. "Ich geh' nicht zum Thalia." Das T-Wort fällt an diesem Dienstagnachmittag öfter, genauso wie das A-Wort: "In Zeiten von Amazon" könne man nur mit dem Verkauf von Büchern kein Geld mehr verdienen, mutmaßt ein Kunde. "Vielleicht muss man zusätzlich Kaffee verkaufen. Oder Alkohol."
Diese Kundin hat bei der Abschiedsfeier besonders viel gefunden.
Sind also die großen Ketten und Online-Händler schuld am Sterben der kleinen Buchhandlungen? "Natürlich fressen die Großen die Kleinen", sagt Inhaberin Jelena Deretić, die die Buchhandlung 2017 übernahm. "Der Onlinehandel ist beliebt, weil heute alles schnell-schnell gehen muss. Das verstehe ich auch." Die 44-Jährige, die als Kind mit ihrer Familie aus dem heutigen Bosnien nach Wien kam, will sich aber nicht mit einfachen Erklärungen zufriedengeben. Auch die Teuerung sieht sie als Problem: "Wo sparen die Menschen als Erstes? Bei der Kultur", erklärt sie. Viele Menschen, die oft kamen, seien zudem verstorben. All das habe dazu geführt, dass Deretić sich eingestehen musste: Wirtschaftlich geht sich das nicht mehr aus. "Es war ein zu teures Hobby", sagt sie.
Immer weniger Buchhandlungen
So geht es nicht nur Deretić: In ganz Österreich müssen Buchhändler ihre Türen schließen. Gab es laut der Statistik Austria im Jahr 2015 noch 899 Buchhandlungen in Österreich, waren es 2024 nur noch 565 – ein Rückgang von 37,2 Prozent. Die Branche schlug schon mehrmals Alarm. 2024 etwa wandte sich der WKO-Fachverband der Buch- und Medienwirtschaft mit einem offenen Brief an den damaligen Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) und forderte unter anderem eine Senkung der Umsatzsteuer auf Bücher. Die blieb aus.
"Ich finde es unglaublich schade, dass der Handel vom Bezirk nicht mehr Unterstützung bekommt", kritisiert Deretićs Mitarbeiterin Monika, die in ihrer Pension im Geschäft aushilft. Früher war sie selbst dort Kundin: "Das Geschäft ist seit 30 Jahren mein verlängertes Wohnzimmer", sagt sie. "Ich bin einfach unfassbar traurig."
"Ich bin einfach unfassbar traurig", sagt Mitarbeiterin Monika.
Im Büro von Bezirksvorsteher Peter Jagsch (SPÖ) wird die Schließung von Bookpoint als "sehr schade" bezeichnet. Zum STANDARD heißt es aber auch, dass die Nachricht überraschend gekommen sei: Es habe sich im Vorfeld niemand an die Bezirksvertretung gewandt.
Seit 135 Jahren
Das Buchgeschäft in der Kalvarienberggasse bestehe schon seit 135 Jahren, erzählt Deretić, während sie schwarz-weiße Fotos herzeigt. Kundinnen berichteten ihr, schon ihre Eltern hätten dort die Schulbücher abgeholt. Nun hängen vor dem Eingang mehrere Zettel: "Abverkauf auf alles." Drinnen sind manche Regale schon fast leer, neben Büchern werden auch andere Kleinigkeiten verkauft: Kalender, Wolle, Schilder mit Sprüchen ("Ich bin nicht faul, ich bin im Energiesparmodus"). Dazwischen: Eine Merci-Schachtel, Krapfen und Soletti, die Deretić für ihre Kundinnen und Kunden rausgestellt hat.
Die Buchhandlung hat eine lange Tradition. Deretić zeigt alte Fotos her.
In den Genuss dieser Snacks kommen hauptsächlich Frauen, das Publikum im Geschäft bei der Abschiedsfeier ist sehr weiblich. "Frauen lesen auch mehr", lacht Deretić, darauf angesprochen. "Wir lesen generell zu wenig", beklagt einer der wenigen anwesenden Männer. Stimmt das? Aktuelle Daten aus Österreich gibt es dazu kaum. Eine Studie aus den USA zeigt, dass dort im Vorjahr 40 Prozent weniger Menschen täglich zum Vergnügen lasen als noch vor 20 Jahren. 2025 wurden in Österreich 2,3 Prozent weniger Bücher verkauft a…
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