ON
← Back to feed
GermanyCulture3 days ago

For safety and health: the most boring demonstration of the year

The article discusses the annual 'Sternfahrt' bike ride in Berlin, describing it as a peaceful event with minimal political activism. The author notes that despite the large number of participants, the event receives little media attention compared to more disruptive protests. The piece highlights the contrast between the quiet nature of cycling advocacy and the more visible, chaotic demonstrations.

Für Sicherheit und Gesundheit : Die langweiligste Demo des Jahres

Der Kanzler sperrt die Spree, die Sternfahrt bleibt in den Regionalnews – und unsere Autorin wundert sich, was als Zumutung empfunden wird und was nicht.

„Die Zukunft fährt Rad“: Fahr­rad­fah­re­r:in­nen sind an der Siegessäule unterwegs

Christophe Gateau/dpa

A nfang Juni war wieder Sternfahrt in Berlin. Sternfahrt ist dieser eine Halbtag im Jahr, an dem die breite Asphalt-Schneise entlang des Grunewalds für Fahrräder geöffnet ist. Man kann dort bequem nebeneinander radeln, tief durchatmen und sich unterhalten.

Ich fuhr neben zwei Jugendlichen. Die beiden redeten darüber, dass die Sternfahrt eigentlich voll öde sei. Niemand schreie Parolen. Niemand mache etwas kaputt. Eigentlich sei das Ganze nur eine chillige Ausfahrt für Leute, die halt gern Rad fahren, und keine richtige Demo.

Stimmt irgendwie. Radfahren ist voll langweilig. Es stinkt nicht, lärmt nicht und ist insgesamt das Gegenteil von nicer Randale. Und dann diese Radfahrer-Forderungen: sichere Wege, weniger Tote, ein bisschen Platz – lauter Gähn-Themen.

Mit Gegröle, Steine schmeißen und Sachen anzünden landet man auch mit 500 Leuten in der Tagesschau. Friedlich dahinradelnd kann man 30.000 plus auf die Straße bringen – und kommt trotzdem nicht über die Regionalnachrichten hinaus. Ist ja schließlich auch immer dasselbe. Die Radfahrenden wollen seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten immer nur sicher unterwegs sein. Eine Forderung, die deutsche Politik autark umsetzen könnte, worauf sie aber halt keinen Bock hat.

Sinnfreie Absperrerei

Wie es läuft, wenn man Bock hat, erlebte ich tags darauf.

Ich kam von der Arbeit nach Hause, auf dem Weg an der Spree entlang. Den kennen auch Berlin-Besucher bestens: auf der einen Seite der Hauptbahnhof, auf der anderen das Bundeskanzleramt. Der Weg war abgesperrt und polizeibewacht. Auch die Schiffe durften nicht mehr fahren. Grund: Der Hubschrauber des Bundeskanzlers landete auf der anderen Seite der Spree, hinter einer Mauer und Bäumen im Kanzlergarten. Wir mussten warten, bis der wieder abgeflogen war. Natürlich völlig sinnfrei. Wir flogen ja nicht. Und hatten, soweit ich das überblicken konnte, auch keine Panzerfaust in der Fahrradtasche.

Ich überlegte, warum man eigentlich den mit Abstand größten Regierungssitz der Welt hat, wenn man dann trotzdem für den An- und Abflug noch die Umgebung lahmlegt. Und ob die Absperrerei im Zeitalter von Drohnen nicht insgesamt unlogisch ist. Aber – um Logik geht es ja auch nie. Es geht um Symbole.

Die einen fahren symbolisch einmal im Jahr glücklich durch eine für ein paar Stunden abgasfrei ruhige Stadt. Und die anderen besorgen sich symbolische Habachtstellung von Fußgängerinnen, Radfahrern und Schifftouris. Die Achtung-Heli-Sperrungen sind relativ neu, also offenbar sachlich nicht notwendig; gestartet und gelandet wurde dort ja früher auch schon. Aber wir werden uns anpassen. So wie wir uns an dem Gedanken angepasst haben, es sei notwendig, überall immer mit dem privaten Auto hinfahren zu können. Und gelernt haben, dass es in Deutschland wichtig ist, dass diese Autos weiterhin stinken und lärmen dürfen .

Als ich so über meinem Lenker lehnend auf Weiterfahrt wartete, dachte ich mir, dass die Sternfahrt vielleicht doch keine öde Ausfahrt ist, sondern eher eine Zumutung: Sie zeigte, was alles möglich wäre. Wenn man sich nur dazu entscheidet.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!

Jetzt unterstützen

Kerstin Finkelstein

Dr. phil, Expertin für Verkehrspolitik und Migration.

Studium in Wien, Hamburg und Potsdam. Volontariat beim „Semanario Israelita“ in Buenos Aires. Lebt in Berlin. Fährt Fahrrad.

Bücher u.a. „So geht Straße“ (Kinder-Sachbuch, 2024), „Moderne Muslimas. Kindheit – Karriere - Klischees“ (2023), „Black Heroes. Schwarz – Deutsch - Erfolgreich“ (2021), „Straßenkampf. Warum wir eine neue Fahrradpolitik brauchen“ (2020), „Fahr Rad!“ (2017).

Mehr zum Thema

50. Fahrradsternfahrt

„Das Wichtigste ist das Erlebnis“

Am Sonntag ruft der ADFC zur 50. Fahrrad-Sternfahrt auf. Norbert Rheinlaender war schon beim ersten Mal dabei – mit Begeisterung und nur drei Gängen.

Interview von

Anna Simbürger

Klogespräche im Verkehrsministerium

Verkehrspolitik zum Abdrücken

Kolumne

Wir retten die Welt

von

Kerstin Finkelstein

Wer w…

Read the full article at taz – die tageszeitung

1 reports

taz – die tageszeitungIndependentCenter3 days ago
For safety and health: the most boring demonstration of the year

The article discusses the annual 'Sternfahrt' bike ride in Berlin, describing it as a peaceful event with minimal political activism. The author notes that despite the large number of participants, the event receives little media attention compared to more disruptive protests. The piece highlights the contrast between the quiet nature of cycling advocacy and the more visible, chaotic demonstrations.

Bias read (Center): The article presents a neutral observation about the nature of the Sternfahrt event and its media coverage without overtly favoring any political stance. It critiques the lack of media interest in non-disruptive protests but does so in a balanced manner, avoiding loaded language or biased framing.