"Tradwives", würde man meinen, gehören in die 1950er-Jahren, aber nein, sie bevölkern das Internet und prägen wieder Rollenbilder für Frauen von heute wieder enorm.
Es war keine traditionelle Familie, in der Natalie Heller Mills aufgewachsen ist. Der Vater hat die Familie verlassen, das erzählt jedenfalls ihre Mutter. Anderen gegenüber deutet man an, er sei gestorben, "von uns gegangen", was auch nicht wirklich gelogen ist. Eine wichtige Grauzone für Natalie. Diese Performance zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Darstellung und Realität wird für Natalie eine zentrale Erfahrung für ihre Zukunft.
Natalie ist die Hauptfigur des Debütromans der US-amerikanischen Podcasterin, Journalistin und Autorin Caro Claire Burke, die mit Yesteryear einen Bestseller geschrieben hat. Sie befasst sich darin mit einem Phänomen, das seit ein paar Jahren als wohl bedrohlichster antifeministischer Trend unserer Zeit verhandelt wird: Tradwives, also Influencerinnen, die sich als traditionelle Frauen inszenieren. Sie stehen ständig in der Küche, gebären ein Kind nach dem anderen und machen es ihrem Mann fein.
Hannah Neeleman zum Beispiel: 10,4 Millionen Menschen folgen ihrem Account "Ballerinafarm" allein auf Instagram. Die 35-jährige neunfache Mutter wollte eigentlich Ballerina werden, daher der Name, sie hat aber geheiratet. Denn für Ultrakonservative, genauer: Mormonen, wie es Neeleman und ihr Mann sind, sind Beruf und Familie für Frauen nicht vorgesehen. Und so gibt Neeleman vor ihrer Handykamera die Hausfrau und Mutter, sie bäckt, kocht, ja – um Himmels willen – macht sogar die Butter selbst. Alles "from scratch", von Grund auf, handgemacht, "natürlich". Allerdings ist da noch eine Kleinigkeit: Die Familie steht nicht unter Zugzwang, von ihrer Farm leben zu müssen. Gatte Daniel kommt aus einer reichen Unternehmerfamilie, sein Vermögen wird auf mehrere hundert Millionen Dollar geschätzt, was der Inszenierung von Bescheidenheit auf "Ballerinafarm" keinen Abbruch tut.
Caro Claire Burkes Tradwife-Erzählung führt uns auch in das echte 18. Jahrhundert, als "traditionell" keinen Spaß machte.
Die echte Influencerin Hannah Neeleman hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Patin für Burkes Romanfigur Natalie gestanden. Auch Natalies Mann Caleb kommt aus einer reichen Familie, die ihr bei ihrem Lebensplan "Farm und Großfamilie" hilft, aus dem Natalie schließlich auch noch ein Social-Media-Unternehmen macht.
Natalie findet erst durch den Blick anderer eine Form für ihr Leben. Diese Möglichkeit entdeckt sie im Gespräch mit ihrer Mutter, nachdem Natalie ihre erste Tochter geboren hat – und ihre Gefühle ihrem Selbstbild völlig widersprechen. Sie empfindet keine Liebe für das Kind, weit und breit kein Mutterglück. Verzweifelt fragt sie ihre Mama, wie sie das hinbekommen habe, die antwortet: Sie stelle sich vor, dass sie beobachtet wird, sagt ihre gläubige Mutter. Eine Antwort, die zum Gamechanger für Natalie wird.
Denn es muss längst nicht Gott sein, der zusieht und sich womöglich seinen Teil denkt. Es tun auch Follower auf Instagram. Durch sie weiß Natalie plötzlich, wofür sie lächelt, sanft mit ihren Kindern umgeht, ihre Hühner mit einem fröhlichen "Hallo Ladys" begrüßt und ein Leben in der Einöde führt. Den Kauf der Ranch und die kostspielige Kulisse für Natalies Tradwife-Performance finanziert Calebs Vater. Dieser strebt auch die Präsidentschaft an und möchte das Land nach seinen christlich-fundamentalistischen Vorstellungen umbauen.
Früher ist nicht besser
Caro Claire Burke treibt dem Tradwife-Dasein die Romantik aus, indem sie durchdekliniert, was "wie früher" in letzter Konsequenz bedeutet. Natalie findet sich plötzlich in einer Parallelwelt wieder, in der jeglicher Fortschritt fehlt. Medizinisch, technisch und gesellschaftlich – und ganz ohne eine Handykamera, ohne den Blick der anderen. Es ist ihre Farm, aber es ist nicht ihre Farm. Diese hier, im echten Früher, ist viel zu heruntergekommen, zu dreckig. Es ist ihr Mann, aber nicht ihr Mann, der ihr eine runterhaut und ihr verbietet "so" mit ihm zu sprechen. Und auch ihr Brot, das ihr in ihrer Insta-Existenz immer gelingt, will hier, in der echten gestrigen Welt, einfach nichts werden.
Caro Claire Burke, "Yesteryear", € 24,70/ 464 Seiten, Heyne Verlag München, 2026.
Dass aus dem Stoff von Yesteryear früh ein Filmprojekt wurde, merkt man dem Roman gelegentlich an. Eine Kleinigkeit aber, die dem wuchtigen Roman wenig anhaben kann. Yesteryear entwickelt einen starken Sog und erkundet eindringlich den Verlust der eigenen Wahrnehmung in einer Welt, in der nur noch der Blick der anderen zählt – eine kraftvolle Auseinandersetzung mit Fassaden, leeren Werten und innerer Leere.
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