Nun sind es nicht mehr Andreas Bourani oder die Sportfreunde Stiller, die zur WM-Stimmung den mitreißenden Song liefern. Nach dem 7:1-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Curaçao ertönte im Stadion von Houston , räusper, alle mal weghören – „Döö-döö-dööp“ –, ein Ballermann-Hit: „Der Zug hat keine Bremse“. Mmh, sind wir beim Länderspiel? Oder auf der Kirmes?
Der Bundestrainer höchstpersönlich ließ es sich nicht nehmen, auf den Zug aufzuspringen. Sein Team, sagte Julian Nagelsmann, habe genau das getan: Fußball gespielt, ohne auf die Bremse zu treten. Das hat Hand und …, nein, besser nur Fuß. Sonst droht der jüngsten deutschen WM-Elf dasselbe Schicksal wie der DFB-Auswahl von 2022 und 2018. Entgleisung schon in der Gruppenphase. Nicht noch ein Klagelied!
Dann lieber mal nachgehakt: Wer ist denn auf den Zug ohne Bremse und TÜV-Gutachten gekommen? Nachgefragt beim Deutschen Fußball-Bund. Hochoffizielle Antwort: Den Song haben Mitglieder seines Fanklubs auf den ersten Platz gewählt. Was diesen Klub eindeutig charakterisiert: Vereinigung frustrierter Bahnfahrer mit posttraumatischer Belastungsstörung nach Dauerberieselung des Bahnhofsprechers: „Der Zug hat eine Bremse und 30 Minuten Verspätung.“
Hauptsache, dicht
Deshalb muss man nicht gleich in die Luft gehen. Aber der DFB tut es dann doch – auf eigenen, dringenden Wunsch. Mit dem Astronauten „Major Tom“, der „völlig losgelöst“ gleich siebenmal in Houston mit seinem Raumschiff abhob. Pünktlich nach jedem Tor, ein Heimspiel für den Raumfahrer. Wir schweben mit.
Aber „Major Tom“ war gestern, leider. „Ist ‚Der Zug hat keine Bremse‘ der WM-Hit 2026?!“, fragt sich Sängerin Mia Julia auf Instagram. Wir fragen uns das auch, sehr ernsthaft, und stellen fest: Beim Fußball gibt’s, ja doch, viele Spielzüge, sogar Lokomotiven (Lok Leipzig!), es gibt Notbremsen und auch jede Menge Anhänger. Aber die entscheidende Frage ist eine andere: Wo führt der „Zug ohne Bremse“ hin? Sie wissen es schon, im Land der TÜV-Weltmeister kommt die Antwort im ICE-Tempo: in den Absturz.
Sie meinen, das ist das falsche Wort? Moment. Beim Zug ohne Bremse „inspiriert“ der Liedermacher leider nicht Nagelsmann, Dampf zu machen im Deutschland-Express. Es geht eher um den ganz großen Zug aller Durstigen, sagen wir, am Ballermann. Dort gedeihen mit steigendem Pegel bekanntlich besondere geistige Ergüsse. 2014, ja, da reichte es zu schönen Kombinationen: „Ein Hoch auf das, was uns vereint.“ Heute reimt der gemeine Nachfahre der Dichter und Denker feixend „Fresse“ auf „Knoblauchpresse“. Hauptsache, dicht. Was für ein Zug-Unglück.
Wie man das aushält? Wohl nur mit prophylaktischer Druckbetankung. Doch das Bier ist teuer in Houston: zwölf Dollar (10,50 Euro) beim Blick aufs Spiel. Da bleibt nur eine Hoffnung: Lasst weiter die Bremse raus, ihr nüchternen Nationalspieler – und berauscht uns!
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