Dass es so weit gekommen ist, hätte vor zwanzig Jahren niemand für möglich gehalten. Am 20. Mai 2026 stand Roger Köppel, Verleger der Weltwoche , vor dem Hauptgebäude der Universität Zürich, unter einem weißen Zelt, mit einem Mikrofon. Sein Format wiederholt das, was der im September 2025 ermordete amerikanische Aktivist Charlie Kirk an US-Hochschulen praktizierte: offene Debatte unter freiem Himmel. Was früher selbstverständlich in den Hörsälen stattfand, muss heute unter Polizeischutz mit Pavillon und Absperrungen vor das Gebäude verlegt werden. Eineinhalb Stunden sprachen Studenten, manche differenziert, manche provokant. Daneben hielt ein Dutzend vermummter Antifa-Demonstranten Trillerpfeifen, Sprechchöre und „Züri Nazifrei“-Parolen bereit. Wann immer Köppel antwortete, übertönte der Pöbel-Lärm seine Worte. Wer reden wollte, musste schreien. Wer argumentieren wollte, wurde mit Parolen niedergebrüllt – auch die Studenten.
Zwei Tage später erschien in der NZZ Benedict Neffs Diagnose „Akademie der Intoleranz“ (22. Mai 2026), die anhand des jüngsten Yale-Berichts den Zustand der westlichen Hochschulen beschreibt: eine ideologische Verengung, vor der sich Konservative, Liberale, aber auch differenzierende Linke längst nicht mehr trauen, im Seminar das Wort zu ergreifen. Zwei Ereignisse, zwei Schauplätze, ein gemeinsames Muster.
Diese Thematik wirft Fragen auf, die weit über diesen Tag hinausreichen. Was kennzeichnet eine Gesellschaft, in der sogar gebildete Menschen Angst haben, im Seminar und in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen? Welche Mechanismen halten diese Verengung am Laufen? Und gibt es einen Weg zurück zur Praxis des freien Streitgesprächs?
Die Charakteristik der Empörungsbewirtschaftung
Wer heute eine Meinung äußert, die vom Mehrheitskonsens abweicht, erlebt eine kalibrierte Abfolge sozialer Reaktionen. Zuerst der ungläubige Blick. Dann der scharfe Einwurf. Und schließlich der moralische Vorwurf, oft in Form einer Diagnose: rassistisch, sexistisch, populistisch, verschwörerisch, transphob, antiamerikanisch, antisemitisch, je nach Lage des Themas. Was nicht stattfindet, ist die Erwiderung. Eine Erwiderung wäre die Auseinandersetzung mit dem Argument. Sie ist die teuerste Form des Gesprächs, denn sie verlangt, das Argument zuerst zu prüfen, bevor man es verwirft.
Die Empörungsgesellschaft hat dieses Verfahren weitgehend ersetzt. Anstelle der Erwiderung ist die Sortierung getreten. Wer A sagt, gehört zu B. Wer zu B gehört, ist mit C zu identifizieren. Wer C ist, hat kein Recht, seine Meinung zu äußern, denn diese ist per se als moralisch falsch zu klassifizieren. Wer C ist und es wagt, diese Meinung dennoch zu äußern, ist bereits ein schlechter Mensch. Der gesamte Vorgang dauert wenige Sekunden und erspart dem Sortierenden jede Anstrengung. Fakten oder Argumente spielen keine Rolle. Wer dieses Empörungsspiel nicht mitspielt, dem anderen zuhört und differenziert, gerät selbst in den Verdacht, auf der moralisch falschen Seite zu stehen. Diese Mechanik lässt sich als Empörungs-Bewirtschaftung beschreiben – ein System, in dem moralische Vorwürfe als Ressource genutzt werden, um Aufmerksamkeit zu lenken, Lager zu disziplinieren und Sprecher auszuschalten.
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Die Wirkung lässt sich messen. Eine Allensbach-Umfrage im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat im Herbst 2025 erhoben: 44 Prozent der Deutschen glauben, man müsse mit politischen Äußerungen heute vorsichtig sein. Nur 46 Prozent meinen noch, man könne seine Meinung frei sagen. Thomas Petersen, der die Studie verantwortet, formuliert es so: „Viele erleben, dass man theoretisch alles sagen darf, praktisch aber nicht alles sagen kann, ohne negative Konsequenzen zu riskieren.“ Das ist nicht Zensur durch den Staat. Es ist etwas viel Wirkungsvolleres: gesellschaftlicher Druck, der das Sagbare im Vorhinein verengt oder verunmöglicht.
Eine zweite, jüngere Allensbach-Studie liefert die Pointe dazu. Befragt nach ihrer Toleranz gegenüber anderen Meinungen, gaben 28 Prozent der Grünen-Sympathisanten an, sich oft aufzuregen, wenn jemand eine abweichende Position vertrete. Bei den AfD-Wählern lag der Wert bei 24 Prozent. Bei CDU- und SPD-Anhängern dagegen bei rund 19 bzw. 18 Prozent. Und weiter: Personen mit höheren Bildungsabschlüssen sind intoleranter als solche mit einfacher oder mittlerer Bildung. Das ist die unbequemste Erkenntnis dieser Erhebung. Bildung schützt nicht vor Intoleranz. Sie produziert sie, sofern sie als Anspruch auf moralische Überlegenheit ausgelegt wird.
Wie es so weit kommen konnte
Eine offene Gesellschaft, die das Streiten praktiziert, war historisch die Ausnahme, nicht die Regel. Über Jahrtausende war öffentliche Rede ein Privileg der Eliten, oft ein gefährliches. Sokrates wurde hingerichtet, Galilei zum Schweigen gezwungen, Spinoza ausgeschlossen. Die mühsame Errungenschaft der Aufklärung, der Pressefreiheit, der parlamentarischen Demokratie war es, einen Raum zu schaffen, in dem unpopuläre Positionen ohne ex…
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