Was wir lesen wollen
Buchtipps der Woche: Tschernowitz, die Summe aller Dinge und das ABC
Von der Graphic Novel über den Krimi bis zur Lyrik, vom Kinderbuch bis zum Bildband: die aktuellen Empfehlungen der ALBUM-Redaktion
"Replay": Eine Graphic Novel von Jordan Mechner
Jordan Mechner, "Replay. Erinnerungen einer entwurzelten Familie". € 30,00 / 320 Seiten. Vermes Verlag, Tulln 2026.
Tschernowitz, auch bekannt als Klein-Wien, ist eine Stadt im Südwesten der Ukraine. Im Laufe ihrer bewegten Geschichte gehörte sie zum Fürstentum Moldau, zur Donaumonarchie, zweimal zu Rumänien und zweimal zur Sowjetunion. Ein großer Teil der Bevölkerung, bis zu 40 Prozent, war jüdisch. Darunter die Mechners, deren Geschichte in den Erinnerungen von Jordan Mechner , seinem Großvater und seinem Vater hier zur Jahrhundertwende ihren Anfang nimmt.
Die wechselvolle Geschichte der nationalen Zugehörigkeit Tschernowitz’ wird dabei zur Blaupause für die drei Generationen Familiengeschichte der Mechners. Kuba, Frankreich, USA und wieder Frankreich – die Wirren zweier Kriege und der Nazi-Terror zerreißen die Familien, zwingen sie in Einzelteilen ihre je eigenen Fluchtgeschichten zu schreiben, ihren je eigenen Überlebenskampf zu führen. Auch das Leben des Game Designers Mechner, Entwickler des Videospiels Prince of Persia und erster Drehbuchautor dessen Verfilmung, ist von Erfahrungen der Trennung und Entwurzelung geprägt. Doch bei allen Beziehungsnöten und wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist sein Kampf zu seinem Glück keiner ums nackte Überleben, sondern zuvorderst ein Ringen um das Bewahren der Familienhistorie. Die umfangreichen Memoiren des Großvaters, die lebendigen Erinnerungen des Vaters, beide namens Adolf, sind dafür neben der eigenen Geschichte seine wichtigsten Quellen.
Die Erzählung folgt keiner Chronologie, vielmehr springt sie assoziativ zwischen den Jahren 1897 und 2019 hin und her, knüpft Verbindungen über Generationen hinweg, flicht ihre eigene Entstehungsgeschichte in das Patchwork ein. Zerrissenheit und Entwurzelung, die Urerfahrungen der drei Generationen der Mechners, bekommen derart ebenso ihre strukturelle Repräsentation wie das, was über alle Jahre und Kontinente hinweg das (einzig) Verbindende ist: Familie.
Die unwahrscheinlichsten Fügungen entscheiden über Leben und Tod: Einmal rettet den Großvater eine Entdeckung auf dem Dachboden, wo ein Bild verstaubt von einem gewissen A. Hitler. Er erkauft sich damit das eine Mal Wegsehen der judenvernichtenden Schreckensherrschaft, das ihm genügt, um außer Landes zu gelangen. Sein Vater schafft die Grundlagen seines erwachsenen Wirkens als Psychotherapeut mitten im Krieg. Als Zehnjähriger gerät er in einen Luftkampf und erkennt: Sein Leben hängt nun an einem Münzwurf des Schicksals, er hat absolut nichts mehr selbst in der Hand. Er beschließt daraufhin, sich als tot zu betrachten, und überwindet so seine Todesangst, denn Tote haben nichts zu befürchten.
Jordan Mechner macht aus 120 Jahren Familien- und Fluchtgeschichte ein eindringliches, bewegendes und bewegtes Panorama, das längst erloschene Stimmen wieder lebendig macht und auch dadurch verdeutlicht: Wir sind alles, was war, was ist und was sein wird. Wirklichkeit findet statt – zu jeder Zeit. (Helmuth Santler, 13.6.2026)
"Die Summe aller Dinge": Ein Krimi von Oliver Bottini
Oliver Bottini, "Das Summe aller Dinge". € 29,95 / 480 Seiten. Dumont, Köln, 2026.
Zaid ist am Ende. Er besorgt sich eine Pistole und erschießt sich. Einer seiner Geschäftspartner und Freunde wird ermordet, der zweite entkommt in seiner Villa in Capri knapp einem Camorra-Killer. Oliver Bottinis breit angelegter Krimi ist ambitioniert, denn er bezieht sich auf den Cum-Ex-Steuerbetrug, der Milliarden von Euro in der Versenkung verschwinden ließ. Die zwei Freunde, die Zaid, das Zahlengenie, mit an Bord genommen hatten, sagten ihm, dass es sich lediglich um eine Gesetzeslücke handle, somit alles ganz legal sei. Bottini erklärt das kurz und verständlich. In Minutenschnelle wurden Aktien verkauft und gekauft, astronomische Summen verschoben. Vera hat durch den Suizid ihres Mannes Zaid, die Liebe ihres Lebens verloren. Nun muss sie feststellen, dass Zaid ein zweites Leben als Finanzjongleur führte. Bottini bricht das abstrakte Verbrechen auf eine persönliche Ebene herunter. Vera ist Polizistin und kann sich mit dem Suizid nicht abfinden. Sie sucht nach Erklärungen. Doppelt spannend wegen des realistischen Hintergrunds, tolle Recherche! (Ingeborg Sperl, 13.6.2026)
"Retten wir das ABC!": Paul Friedrichs Kinderbuch ab 5
Paul Friedrich, "Retten wir das ABC!". € 15,95 / 48 Seiten. Baumhaus, Köln 2026.
Montag bis Freitag, wenn der Sohn seine Auto-Übungsfahrt macht, läuft im Radio immer ein "Stadt-Land-Fluss"-Quiz, bei dem man innerhalb einer halben Minute verschiedene Begriffe mit einem zugelosten Anfangsbuchstaben nennen muss. Meist schaffen die Kandidatinnen und Kandidaten so sieben…
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