WM 2026
6:0-Kantersieg gegen Katar: Nur eine Horrorverletzung trübt Kanadas große WM-Party
Der Co-Gastgeber kann für das Sechzehntelfinale planen, verliert aber Ismaël Koné mit einem mutmaßlich gebrochenen Bein. Es war ein emotionaler Nachmittag in Vancouver
Martin Schauhuber
Willst du gute Laune sehen, musst du zu den Kanadiern gehen.
Willkommen in Anti-Trumpistan: Schon in den Minuten nach dem Ankommen in Vancouver spürt man, dass man in einer anderen Welt gelandet ist. Kurz an einem Terminal ein paar Ja/Nein-Kasterl abhakeln, einer Polizistin beim Rausgehen das danach ausgedruckte Zetterl in die Hand drücken, und ohne weitere Fragen sitzt man drei Minuten später schon in der Metro – selbst wenn man nicht als Fußballtourist, sondern zum Arbeiten gekommen ist.
Kanada war immer schon anders, doch insbesondere seit Trumps zweiter Amtszeit positioniert sich das Land mehrheitlich als Antithese zu den MAGA-Prinzipien. Und keine Stadt kann das besser als die Pazifik-Metropole Vancouver. Die Stadt hat auch während der WM ihre Probleme, konkret absurde Mietpreise, die viele Menschen auf die Straße zwingen, doch hier ist die Welt wirklich zu Gast bei Freunden. Mit ihrer Offenheit und auch der perfekten Innenstadt-Größe bietet die Stadt echtes WM-Feeling, das in den zu großen Großstädten der USA nur selten zu spüren ist.
Welcome to Canada
In der U-Bahn begrüßt Christine Sinclair, mit 190 Toren für Kanada die profilierteste Nationalteam-Torschützin der Welt, die Fans und wünscht viel Spaß. Bald merkt man: In diesem Land freundliche Volunteers zu finden ist etwa so schwierig wie das Lachsfischen für den Grizzly, der am Wasserfall mit offenem Maul wartet. Wer aus Spaß an der Freude beschließt, während einer WM wochenlang Fans den Weg zu weisen, ist generell ein Menschenfreund – doch hier spielt, lächelt und scherzt die Königsklasse.
Das Museum "Science World" wurde für die WM zum Riesenfußball verwandelt.
Schon am Tag vor dem zweiten Gruppenspiel Kanadas gegen Katar hat die beachtlich große kolumbianische Community ihren Freundentag, das 3:1 gegen Usbekistan hört man noch zwei Blocks weit. Ihren Gipfel erreicht die Stimmung dann am Donnerstag: Das erste Match der Gastgeber in Vancouver ist auch das vielleicht erste ihrer WM-Geschichte, in das sie als klarer Favorit gehen. Anstoß ist um 15 Uhr, am Vormittag ist die Innenstadt ein Meer roter Dressen. Einige Ecken des offiziellen WM-Fanshops auf der Granville Street sind ziemlich leergeräumt, die Vancouver-gebrandeten T-Shirts gehen offenbar gut weg.
Nein, die Ultra-Kultur hat Kanada nicht erfunden, doch angeführt von den "Voyageurs" kriegt man auch hier einen ordentlichen Fanmarsch zusammen. Von der als Riesenfußball verkleideten Science World geht es mit Trommeln und Pyrotechnik zum Stadion. Die Mehrheit spaziert schon davor entspannt zum BC Place.
Ob am Vorabend in der Stadt oder nun auf dem Weg zum Stadion: Hier fühlt sich selbst das gelegentliche Ausbuhen vorbeigehender Katar-Fans lieb gemeint an. Diese bekommen bei einem Zelt ihres Fußballverbands Boxen mit Fanartikeln, der Absatz hält sich in Grenzen. Ein Volunteer bringt kanadischen Fans bei, wie sie ihre Flagge halten müssen, dass der Wind das Ahornblatt nicht auf den Kopf stellt; immer wieder hängt der Duft von – sicher nur medizinischem – Marihuana in der Luft.
Es ist laut
Zeit für Fußball. Den lautesten Empfang der 52.497 Fans bekommt in Abwesenheit des angeschlagenen Bayern-Stars Alphonso Davies Juventus-Stürmer Jonathan David. Das von Ex-Salzburg-Trainer Jesse Marsch gecoachte Kanada ist mit einem 1:1 gegen Bosnien-Herzegowina in die WM gestartet, Katar erreichte mit viel Glück dasselbe Ergebnis gegen die Schweiz. Will heißen: Ein Sieg wäre schon ein riesengroßer Schritt in Richtung Sechzehntelfinale. Beim vor jedem WM-Match durchgeführten Dezibel-Wettbewerb kommt Kanada auf 149, das ist so laut wie ein Jet-Triebwerk aus wenigen Metern Entfernung. Das Stadiondach ist geschlossen, der Schall bleibt drin.
Freunde? Freunde.
Anstoß. Katars Edmilson Junior dreht das Triebwerk in der ersten Minute beinahe ab, häckselt aber wenige Meter vor dem Tor an einer feinen Hereingabe vorbei. David bekommt nach einem Corner im zweiten Anlauf die Zündschlüssel in die Hand, Katar-Goalie Mahmoud Abunada lenkt seinen Halbvolley an die Stange (7.). Aber dann, die 16. Minute: Richie Laryea donnert nach einer kurz geklärten Ecke einen Volley zentral aufs Tor, Abunada kann nur mehr abprallen lassen und Cyle Larin staubt ab. Liftoff.
Kanada bleibt spielbestimmend, Kanada belohnt sich: Tajon Buchanans Schuss prallt vom Rücken eines Katari in hohem Bogen ab, David holt aus und prackt den Ball aus 15 Metern mit 106 km/h ins kurze Eck. Eine technische Meisterleistung. Es ist offenbar der Tag der Volleyschüsse.
Vorentscheidendes Rot
Und es wird noch besser für die Hausherren: Buchanan startet in den Strafraum, Homam Ahmed foult ihn im Laufduell. Zuerst gibt…
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