Innerhalb von 24 Stunden sind Curaçao, Oranje und Kap Verde ins Turnier gestartet. In der Hafenstadt Rotterdam sorgen sie alle für Begeisterung.
Kurz vor dem Anpfiff wird es still im Maassilo. Bässe, Beats, Lachen und Johlen, alles verstummt. Die blassgelben und tiefblauen Trikots, die sich in beständig durch das Erdgeschoss des Veranstaltungszentrums schieben, verharren. Der Einpeitscher auf der Bühne, der den Abend voller Enthusiasmus begann, schlägt einen besinnlichen Ton an: „Danke, Vater, dass wir hier sein dürfen. Wir sind eine Community! Eine Insel! Könnt ihr alle ‚Amen‘ sagen?“ Und alle sagen: „Amen!“ Es folgen die Hymne – und dann hat die WM auch für Curaçao begonnen.
Das kleinste Land, das sich je für eine WM qualifiziert hat, ist seit 2010 ein unabhängiges Überseegebiet des niederländischen Königreichs. Über 130.000 Menschen aus Curaçao wohnen heute im einstigen kolonialen „Mutterland“, gut 20.000 von ihnen in Rotterdam – und etwa 3.000 sind an diesem Sonntagabend in den monumentalen alten Getreidespeicher im Maashafen gekommen. Die Blue Wave Family World Cup Watch Party ist eine Referenz an den Spitznamen des Nationalteams, das sich sensationell für die WM qualifizieren konnte.
Im Bauch des Maassilo sind drei riesige Bildschirme aufgebaut, und zwischen groben Betonpfeilern tummelt sich ein erwartungsfrohes, auffällig junges Publikum. Essensstände, deren Dekoration an die Fassaden von Willemstad erinnern, der Hauptstadt Curaçaos, verkaufen Süßigkeiten aus Erd- und Cashewnüssen und gebratene Hühnerschenkel. Die aromatische Lufthoheit hat jedoch Beito de Worstman , ein bekannter karibischer Wurstverkäufer bei Veranstaltungen im Dunstkreis der Hafenmetropole.
Der frühe Rückstand beeindruckt niemand. Dafür fühlt sich das, was nach dem überraschenden Ausgleich geschieht, an, als zittere das Maassilo in seinen Grundfesten. „Noch immer 1:1, wer hätte das gedacht?“, sinniert der Reporter wenig später. „Tja, wer hätte das gedacht“, wiederholt eine Frau feixend, die wie alle hier ihr Trikot in einem Onlineshop bestellt hat.
Selten wurde eine 1:7-Klatsche so bejubelt
Die Tore des deutschen Teams fallen schließlich doch. In der Halbzeit werden auf der vorderen Bühne die Antilleninseln besungen, auf der hinteren lässt die Kombination karibischer Beats mit niederländischen Schlagertexten junge Fans kreischen.
Selten wurde eine 1:7-Klatsche so bejubelt wie an diesem windigen Abend in Rotterdam-Süd. Selbst eine Trockennebelkanone kommt zum Einsatz. Melissa, eine Frau in den Dreißigern, bilanziert kurz vor dem Abpfiff: „Ich hätte nie gedacht, dass Curaçao sich überhaupt je für eine WM qualifiziert. Wir sind dankbar, dass wir dabei sind. Viele dachten, wir schießen mal ein Tor. Immerhin haben wir das gegen eines der stärksten Teams der Welt geschafft. Und wir haben sowieso die schönsten Trikots.“
Diese Trikots tauchen eine Stunde später auch am Platz vor dem Stadthaus auf. Hier liegt die bekannte Meile, auf der sich bei jedem Turnier alles tummelt, was sich in orangefarbene Klamotten geworfen hat. Vier benachbarte Bars, jeweils mit großem Außenbereich, werden dann zum schnell schlagenden Puls des „Oranje-Wahnsinns“.
Das ist bei dieser WM nicht anders. Das Café t’ Fust, das renommierteste, ist schon beim Anpfiff so voll, dass der Türsteher niemand mehr hineinlässt. Das benachbarte Coconut zeigt auch alle Spiele von Curaçao. Mitglieder der blauen Welle schauen sich nun hier an, wie die Niederlande gegen Japan in die WM starten.
Rotterdams 170 Nationalitäten sind mit vielen Teams vertreten
Zu den Standardelementen eines solchen Abends zählen neben Gassenhauern wie „Humba täterä“ und „Viva Holandia“ auch die sogenannten oranje prullaria , also allerlei Verkleidungen und andere Utensilien zum Anfeuern der elftal . Kurz vor Anpfiff läuft vor den Bars ein Mann in orangem Anzug herum, dessen Kopf in einer Löwenmaske steckt. Passant*innen und Fans machen Fotos mit ihm, er ist angestellt, um für Unterhaltung zu sorgen. „Ein Job, aber es macht mir auch Spaß“, sagt Ap, wie er sich vorstellt, unter seinem Löwenkopf.
Dass es seine dritte WM als Maskottchen ist, erzählt er am Tresen der Retrobar Get Back, die noch am ruhigsten ist, wo er einen schnellen Drink zu sich nehmen will. Speziell ist diese WM, weil das multikulturelle Rotterdam mit seinen gut 170 Nationalitäten mit so vielen Teams vertreten ist: Marokko und die Türkei, wo viele Rotterdamer*innen ihre Wurzeln haben, haben ihr erstes Match schon gespielt. Nun folgen innerhalb von 24 Stunden Curaçao, die Niederlande und Kap Verde. „Verteile deine Chancen“, sagt Ap grinsend. Er denkt, dass die Niederlande und Marokko die besten haben.
Dass es im Oranje-Spiel gegen Japan zur Halbzeit noch 0:0 steht, findet zumindest Adam nicht problematisch. Mit drei Freunden raucht er kurz vor dem Wiederanpfiff einen Joint beim Geldautomaten gegenüber. „Bei den letzten Turnieren war das auch so. In der ersten Halbzeit machen sie nicht viel. Aber dann, in der zweiten, ge…
Read the full article at taz – die tageszeitung →