Richtiges Verhalten
Warum Passagiere im Notfall das Handgepäck zurücklassen müssen
Wer sein Bordgepäck bei Evakuierungen mitnimmt, der gefährdet sich und andere. Weil das nicht alle checken, gibt es jetzt die Kampagne "Save a Life, Not a Bag"
Markus Böhm
Laut Umfragen wissen viele Reisende nicht, dass Gepäck bei einer Evakuierung zurückgelassen werden muss. (Symbolbild)
Welche Emotionen das Thema Handgepäck auslöst, sieht man an der Debatte, die sich rund um den STANDARD-Artikel Warum der Trolley trotz korrekter Maße nicht mit an Bord darf entwickelt hat. Manche Passagiere dürften jedenfalls so sehr an ihrem Trolley hängen, dass sie ihn weder vor dem Boarding abgeben, noch im Notfall zurücklassen möchten.
Genau gegen diesen Reflex richtet sich jetzt eine neue Kampagne der International Air Transport Association (Iata): "Save a Life, Not a Bag" . Die Botschaft ist simpel – wenn ein Flugzeug evakuiert werden muss, bleibt das Handgepäck zurück. Ohne Diskussion. Ohne "nur ganz kurz noch".
Offenbar häufen sich aber laut dem Dachverband der Fluggesellschaften Vorfälle, bei denen Passagiere bei Evakuierungen zuerst Taschen aus den Gepäckfächern holen oder sogar noch mit dem Smartphone filmen, statt den Anweisungen der Crew zu folgen. Das kostet wertvolle Sekunden, blockiert Gänge und Ausgänge, kann Evakuierungsrutschen beschädigen und gefährdet damit im schlimmsten Fall andere Menschen an Bord. Flugzeuge sind darauf ausgelegt, im Notfall in nur 90 Sekunden vollständig geräumt werden zu können – ein Sicherheitsfenster, das durch jeden zusätzlichen Handgriff schrumpft.
Verhalten im Ernstfall
Bemerkenswert ist dabei, wie groß die Wissenslücke offenbar noch immer ist. In einer von der Iata in den USA, Großbritannien, Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten durchgeführten Umfrage gaben zwar viele Reisende an, grundsätzlich zu wissen, wie man sich bei einer Evakuierung verhält. Korrekt nannten aber nur 61 Prozent, dass wirklich alle persönlichen Gegenstände zurückgelassen werden müssen. Jeder Zehnte räumte sogar ein, im Ernstfall vermutlich doch nach dem eigenen Gepäck zu greifen.
Unbestritten ist, dass Menschen in Notfällen oft nicht rational reagieren , sondern nach Vertrautem greifen: nach der Tasche, nach dem Telefon, nach dem, was sich nach Kontrolle und Sicherheit anfühlt. Parallel dazu beobachtet die Branche aber auch, dass manche Passagiere sogar in gefährlichen Situationen zuerst ihr Smartphone zücken, statt einfach nur auszusteigen.
Die Iata will deshalb gemeinsam mit Behörden wie der Europäischen Agentur für Flugsicherheit Easa und der Bundesluftfahrtbehörde der Vereinigten Staaten FAA vorrangig eines: den Automatismus im Kopf verändern. Airlines und Partner erhalten digitales Informationsmaterial, um Passagiere stärker für das richtige Verhalten im Ernstfall zu sensibilisieren. Laut Guardian wird auch über Strafen nachgedacht, sollten die "Bildungsmaßnahmen" nicht fruchten.
Die pragmatischste Empfehlung klingt fast wie ein kleiner Travel Hack: Wichtige Dinge wie Reisepass, Geld oder Medikamente sollten direkt am Körper getragen werden, damit im Notfall gar nicht erst der Impuls entsteht, noch einmal ins Gepäckfach zu greifen. (Markus Böhm, 14.6.2026)
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