In den Augen von Waldemar Klingelhöfer sieht man keine Reue.
Ein Foto vom Einsatzgruppen-Prozess zeigt den SS-Sturmbannführer nüchtern in die Kamera schauend, der Blick kontrolliert. Das karierte Hemd ist bis oben zugeknüpft, die streng zurückgekämmten Haare entblößen die Geheimratsecken. Die hohe Stirn ist gerunzelt, aber Emotionen sieht man keine.
Er hält ein Schild mit seinem Namen in die Kamera: Klingelhoefer, Waldemar. Das Foto muss während des Prozesses 1947 oder 1948 entstanden sein, kurz bevor Klingelhöfer 1948 in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation zum Tode verurteilt wurde.
Vom Opernsänger zum Nazi-Mörder
Eigentlich war Klingelhöfer Opernsänger. Bis er 1935 das Kulturreferat des SD übernahm, dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Der SD unterstand als zentraler Nachrichtendienst des nationalsozialistischen Deutschlands direkt Reinhard Heydrich und damit indirekt Heydrichs Vorgesetztem Heinrich Himmler. Dort analysierte Klingelhöfer beispielsweise die Effektivität von Nazi-Propaganda.
1941 landete der russisch-sprechende Klingelhöfer bei der Einsatzgruppe B, zunächst nach eigenen Angaben als Übersetzer. Die Einsatzgruppen waren im Holocaust als Sondereinheiten Heinrich Himmlers für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa verantwortlich.
Opernsänger und SS-Sturmbannführer Waldemar Klingelhöfer beim Einsatzgruppen-Prozess
Klingelhöfer stieg dort bis zum Sturmbannführer -– einem der höchsten Ränge - des "Vorkommando Moskau" auf, eine Funktion, in der er unzählige Exekutionen beauftragte oder selbst durchführte.
Was bringt einen Opernsänger dazu, erst die Bühne, und dann den komfortablen Bürojob zu verlassen, um in Hitlers Auftrag zu morden?
Ganz normale Männer mit "Karrieredruck" bei den Nazis
Christian Gläßel, Politikwissenschaftler am Centre for International Security der Hertie School in Berlin und Co-Autor von "Making a Career in Dictatorship", hat darauf eine einfache Antwort: "Ganz profaner Karrieredruck", sagt er im DW-Gespräch.
Bisher gingen viele Forschende davon aus, dass ideologische Überzeugung eine übergeordnete Rolle gespielt haben muss. Daniel Goldhagen etwa argumentierte in "Hitlers willige Vollstrecker" ("Hitler's Willing Executioners"), dass es purer Antisemitismus war, der Hitlers Männer zu Mördern machte.
Politikwissenschaftler Christian Gläßel Bild: Anna-Lena Hönig
Die jüdische Autorin Hannah Arendt argumentierte schon dreißig Jahre vor Goldhagen gegenteilig, als sie in Jerusalem den Kriegsverbrecher Adolf Eichmann beobachtete.
"Dass er besondere Machtgelüste gehabt hat, glaube ich nicht. Er war der typische Funktionär. Die Ideologie, glaube ich, hat keine sehr große Rolle dabei gespielt", sagte sie 1964 in einem Gespräch mit dem Autor Joachim Fest.
Mord und Folter als Schritte auf der Karriereleiter
Den empirischen Beleg für Arendts Beobachtung haben Gläßel und sein Co-Autor Adam Scharpf in den Daten tausender argentinischer Armeeoffiziere gefunden. In dem Datensatz, der sämtliche Informationen über Beförderungen, Abschlussränge und Pensionierungen der Militärangehörigen seit 1870 beinhaltet, identifizierten sie ein Muster:
Je schlechter die Performance eines Offiziers, desto höher das Risiko, dass er rausflog - und desto größer wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass der erfolglose Offizier sich der Geheimpolizei anschloss. Während der argentinischen Militärdiktatur , stellten Gläßel und Scharpf fest, waren die Reihen der Geheimpolizei voller sogenannter "Underperformer". Indem sie im Auftrag des Regimes folterten, mordeten und entführten, konnten sie sich beweisen und stiegen auf.
Hannah Arendt war schon früh davon überzeugt, banale Gründe seien für Hitlers Mörder ausschlaggebender als Ideologie gewesen Bild: akg-images/Fototeca Gilardi/epd
"Es sind oft Menschen, die von einem System ausgespuckt werden oder nicht weiter aufsteigen können. In diesem Moment greifen Leute zu extremen Mitteln und demonstrieren ihre Loyalität, indem sie die Drecksarbeit für das Regime erledigen, die sonst kein anderer machen möchte", erklärt Gläßel.
Argentinien: Zu schlecht fürs Militär, ab zur Geheimpolizei der Diktatur
Alles begann mit einem beiläufigen Kommentar. Co-Autor Scharpf traf bei einem Besuch in Argentinien auf einen Gesprächspartner, der zu ihm sagte, die bei der Geheimpolizei seien alles "Idioten" gewesen.
Scharpf dachte zunächst, der Kommentar sei beleidigend gemeint. Doch das Gesagte ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, und je länger er und Gläßel sich darüber unterhielten, desto mehr drängte sich ein Verdacht auf: Was, wenn das Ganze wörtlich zu nehmen war?
"Eigentlich ist es ja ein Puzzle", sagt Gläßel. "Warum sollte ein Diktator, der darauf angewiesen ist, dass seine Geheimpolizei gut funktioniert, auf Idioten zurückgreifen?"
1976 wurde die argentinische Präsidentin Isabel Perón bei einem Militärputsch ihres Amtes enthoben und durch eine Militärjunta ersetzt Bild:…
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