Fußball und Menschenrechte
44 tote Fußballer im Iran: Warum schweigt die Fifa?
Wenn der Iran am Dienstag sein erstes WM-Spiel absolviert, wirft das viele Fragen auf. Da ist das Visa-Chaos um die Spieler. Und Dutzende vom Regime getötete Fußballspieler, über die die Fußballwelt nicht reden mag
Anna Sawerthal
Zu Beginn der WM machen Plakate in Los Angeles auf die getöteten Athleten aufmerksam.
Anstatt auf dem Fußballfeld zu kicken, sitzt Ehsan Hoseinipour Hesarlou in einer Zelle in einem Gefängnis südlich von Teheran. Der 19-Jährige Fußballer vom FC Jahan Gostar hat am 8. Jänner an den landesweiten Protesten im Iran teilgenommen. Dabei soll er eine Moschee in Brand gesteckt haben. Außerdem soll er an der Ermordung zweier regimetreuer Milizen beteiligt gewesen sein. Beweise gibt es dafür nicht. Die Vorwürfe sind, wie in so vielen anderen Fällen, nicht nachvollziehbar. Trotzdem wurde sein Verfahren im Eiltempo durchgepeitscht – ein Todesurteil wurde mittlerweile vom Obersten Gericht bestätigt.
So wie Hesarlou sitzen aktuell mindestens neun weitere Fußballer in Gefängnissen im Iran. Fast alle von ihnen haben an den Protesten teilgenommen, die Anfang des Jahres vom iranischen Regime brutal niedergeschlagen wurden. Tausende Menschen sind damals auf den Straßen getötet worden. Etliche weitere wurden in den Razzien danach inhaftiert.
Unter den Toten befinden sich mindestens 44 Fußballer. Es sind keine Hobby-Kicker, sondern Profisportler, die in diversen Vereinen quer durch das Land gespielt haben. Fußball hat im Iran einen hohen Stellenwert. Bereits mehrmals hat sich das Nationalteam der Männer für die Weltmeisterschaft qualifiziert, dreimal wurde das Team Asienmeister.
Ehsan Hoseinipour Hesarlou sitzt im Khurin-Gefängnis ein. Er wurde zum Tode verurteilt.
Auch bei der aktuell laufenden WM in Amerika ist der Iran dabei. Wenn das Team am 16. Juni in Los Angeles zum ersten Spiel gegen Neuseeland antritt, dann wirft das ein Schlaglicht auf schwere Menschenrechtsverstöße im Land. In der Vorrunde sind drei Spiele angesetzt: gegen Neuseeland, gegen Belgien und schließlich gegen Ägypten.
"Stilles Schlachten"
Allein am 8. und 9. Jänner, den 48 heftigsten Stunden der Niederschlagungen, wurden so viele Fußballer getötet, dass man zwei volle Mannschaften bilden hätte können, rechnet die NGO Human Rights and Sport (HRS) mit Sitz in Oslo vor. Insgesamt seien demnach mindestens 216 Athleten umgebracht worden, sechs Sportler wurden bisher hingerichtet. Der 19-jährige Hesarlou könnte der nächste sein.
"Stilles Schlachten", nennt es Zohreh Abdollakhani, die die NGO mitgegründet hat. Der Weltfußballverband Fifa schweige komplett dazu, sagt sie erbost. Dabei wisse man dort mit Sicherheit von den Fällen, denn sie und ihr Team haben allen geschrieben: dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, dem Generalsekretär Mattias Grafström, dem Fifa-"Safeguarding Department" oder auch der Fußball-Gewerkschaft Fifpro. Doch niemand habe reagiert.
Mobin Ghanbari, 20, vom FC Paykan, ist einer der mindestens 44 Fußballer, die im Zuge der Proteste getötet wurden. Er wurde in Teheran erschossen.
Milad Afrookhteh, 33, war Tormann und Coach. Er wurde von zwei Kugeln getroffen.
Robin Moradi, 17, vom FC Saipa wurde am 8. Jänner bei den Protesten erschossen.
Sahba Rashtian, 23, war eine Schiedsrichterassistentin aus Ishfahan. Sie wurde am 9. Jänner erschossen.
Mojtaba Tarshiz von FC Tractor wurde während der Proteste gemeinsam mit seiner Frau in eine Sackgasse in Teheran getrieben und dort erschossen.
Zahra Azadpour, 27, vom FC Mehrgan Pardic wurde in Karadsch erschossen.
Ali Ayazi, 16, vom FC Arzesh Varamin wurde in Ghartschak erschossen.
Es mag bitter klingen, meint Abdollakhani, aber für die 44 toten Fußballer könne man nichts mehr tun. Doch der 19-jährige Hesarlou, die anderen inhaftierten Athleten, oder auch vier Fußballer, die gegen hohe Kaution freigekommen sind, aber auf ein Urteil warten: Sie haben noch eine Chance.
Leben im Regime
Abdollakhani weiß, wie es sich anfühlt, für den Iran anzutreten. Sie ist Irans beste Eisklettererin und hat 2014 für das Land die erste Medaille bei einem internationalen Wettbewerb in der Disziplin überhaupt eingeholt. Seit 2021 lebt sie in Norwegen, wo sie eine Doktorarbeit über Menschenrechte und internationale Sportverbände geschrieben hat.
Sie ist in Karadsch, am Fuße des Elburs-Gebirges, aufgewachsen und war schon als Kind mit ihren Eltern klettern. Diese hätten ihr schon früh mitgegeben, dass es einen Unterschied zwischen dem "Iran" und dem "iranischen Regime" gibt. "Was auch immer sie uns verbieten – genau das werde ich tun", war ihre Devise von klein auf, erzählt sie lachend, und doch todernst: "Sie wollen nicht, dass Frauen klettern? Denn werde ich Sportlerin."
Zohreh Abdollakhani diskutiert beim Oslo Free…
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