Gesundheitssystem
Lange Wartezeiten für Operationen beschäftigen Patientenanwalt Gerhard Jelinek immer wieder. Er fordert Transparenz bei Wartelisten in mehr Bereichen, etwa auch HNO und Onkologie
19. Juni 2026, 10:28
Patientenanwalt Gerhard Jelinek spricht von teils dramatischen Schilderungen.
Die Regierung hat angekündigt, etwas gegen Wartezeiten im öffentlichen Gesundheitssystem zu unternehmen. Um die Ausgestaltung von Reformschritten wird derzeit noch gerungen. Fälle kurzfristiger Absagen lange erwarteter OPs landen immer wieder bei der Patientenanwaltschaft. Diese wird dann aber nur im Ausnahmefall tätig.
STANDARD : Personalknappheit verursacht in Wiener Spitälern Wartezeiten und Terminverschiebungen bei OPs und Vorbereitungsterminen. Der Gipfel des Eisbergs landet wohl bei Ihnen. Welches Bild bietet sich Ihnen da?
Jelinek: Wir erhalten da zum Teil dramatische Schilderungen. Dabei kommt zu uns nur eine relativ kleine Zahl an Reklamationen, da wir keine Interventionsstelle für lange OP-Wartezeiten sind. Intervenieren wir erfolgreich, muss ja jemand anderer länger warten. Wir mischen uns nur ein, wenn wir wirklich das Gefühl haben, dass eine grobe Ungerechtigkeit oder eine besondere soziale oder menschliche Härte vorliegt.
STANDARD: Sie haben im kürzlich präsentierten Tätigkeitsbericht 19 Extremfälle zu Wartezeiten in Spitälern angeführt. Die OP eines Blasenkarzinoms wurde zweimal verschoben. Auf eine notwendige Augen-Korrektur-OP musste jemand zwei Jahre warten. Was haben die gesammelten Fälle gemeinsam?
Jelinek: Es beginnt schon mit dem Begriff "planbare Operationen". Für einen Arzt oder eine Ärztin ist eine planbare OP jederzeit verschiebbar, wenn ein dringenderer Fall kommt. Aus Patientensicht ist sie aber oft schon das Ergebnis eines längeren Leidensweges. Wenn ich eine künstliche Hüfte brauche, weil ich schon lange Schmerzen habe, oder eine Nasenscheidewand-OP, weil ich keine Luft bekomme, ist das nicht lebensgefährlich. Aber für den Patienten kann es schon ein langer Leidensweg gewesen sein. Dass triagiert wird, liegt oft an den Personalkapazitäten. Besonders oft fehlt Assistenzpersonal. Die OP-Säle wären da, können aber nicht bespielt werden.
STANDARD: Auf HNO-Eingriffe bestehen zum Teil sehr lange Wartezeiten, so musste ein Kind mit langwierigen, akuten Mandelbeschwerden 13 Monate auf eine Mandel-OP warten. Was ist da los?
Jelinek: Die Schließung und Zusammenlegung einzelner Kliniken für den HNO-Bereich haben am Anfang sicherlich zu Reibungsverlusten geführt. Mittlerweile, sagt der Wigev ( Wiener Gesundheitsverbund, der Spitalsträger der Stadt Wien , Anm. ), gebe es vertretbare Wartezeiten von 20 bis 30 Wochen. Wir bekommen dazu aber immer wieder Beschwerden. Auch heuer gab es Fälle von Kindern, die in St. Anna operiert werden sollten und ein Jahr warten müssen. Aus Sicht der HNO-Fachärzte, die diese Zuweisung machen, wäre zum Beispiel eine dringende Polypenoperation notwendig, weil es dauernde Mandelentzündungen gibt und man dem Kind ja nicht durchgehend Antibiotika geben kann. Oder es gibt schon Hörprobleme und Entwicklungsverzögerungen.
Bis ein Patient oder eine Patientin dann wirklich am OP-Tisch liegt, können Jahre vergehen.
STANDARD: Der Wigev veröffentlicht ja eine Wartezeitenliste, die von Bandscheibe über Hüftgelenksersatz bis Schilddrüse geht, vieles aber nicht umfasst. Der HNO-Bereich fehlt. Warum?
Jelinek: Gerade dort, wo die meisten Beschwerden bestehen, braucht es ein transparentes Wartezeitenregime, das im Internet veröffentlicht werden muss. Die Krux dabei ist, dass im Kranken- und Kuranstaltengesetz normiert ist, für welche Bereiche Wartelisten publiziert werden müssen. HNO kommt da nicht vor. Wir haben auch bei Dermatologie und Urologie manchmal Reklamationen – die kommen auch nicht vor. Diese Einschränkung auf einzelne Fachgebiete erschließt sich mir nicht. Auch die Wartezeit auf onkologische Eingriffe muss man nicht publizieren, obwohl es umso wichtiger wäre, darüber Bescheid zu wissen.
STANDARD: Beim Gastpatienten-Streit zwischen Wien, Niederösterreich und dem Burgenland plädieren Sie für eine Planung und Finanzierung aus einer Hand oder zumindest in Regionen. Bis eine Einigung erzielt wird, hängen zahlreiche Patientinnen und Patienten in der Luft.
Jelinek: Man muss es wirklich so brutal sagen. Bei diesen Patientinnen geht es nicht um Monate. Manche haben zwei Jahre gewartet, und dann ist die OP abgesagt und um weitere zwei Jahre verschoben worden. Da reden wir von vielen Jahren.
STANDARD: Auch im niedergelassenen Bereich gibt es Probleme mit Wartezeiten, insbesondere auf Facharzttermine. Aber besonders im Argen liegt da wie dort die Versorgung von Patienten und Patientinnen mit ME/CFS, oder?
Jelinek: Im AKH gab es dafür längere Zeit interdisziplinäre Ambulanzen, doch wir haben den Eindruck, dass die Bereitschaft, ME/CFS-Patienten ambulant oder stationär zu versorgen, sehr schwach ausgeprägt ist. Man kommt ohnehi…
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