Paint It Black
Neue ultraschwarze Autolackierung mit Black-Hole-Effekt entwickelt
Seit mit Vantablack das "schwärzeste Schwarz" kreiert wurde, gibt es einen Wettstreit um immer dunklere Nuancen. Ausgerechnet die Autobranche hat es darauf abgesehen
Karin Krichmayr
2019 präsentierte BMW auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt das Konzeptauto VB X6, das "schwärzeste Auto der Welt".
" I see a red door and I want it painted black. No colors anymore, I want them to turn black. (...) I see a line of cars and they're all painted black. With flowers and my love, both never to come back. " So sangen es die Rolling Stones in ihrem Hit Paint It Black vor genau 60 Jahren, anno 1966.
Der Song handelt von Trauer. Bis heute erliegen Autofans der Faszination schwarzer Karossen – allerdings aus weniger deprimierenden Gründen. Laut der Farbenpsychologie wird Schwarz im Allgemeinen mit Macht, Eleganz und Dominanz assoziiert. Nicht umsonst ist es die bevorzugte Farbe für Limousinen und Luxusfahrzeuge. Fahrer schwarzer Autos gelten als selbstbewusst und statusorientiert. Eine Steigerung dazu bietet nur ein ultraschwarzes Auto – als ultimatives Statement für Individualität und Exklusivität.
Wobei Schwarz natürlich keine herkömmliche Farbe ist, sondern ein physikalischer Zustand. Schwarz bedeutet die Abwesenheit von Licht, weil es absorbiert (und in Wärmeenergie umgewandelt) wird. Der betreffende Gegenstand wirft keine Lichtwellen oder nur Lichtwellen geringer Intensität im sichtbaren Spektrum zurück, wodurch auch die Netzhaut unserer Augen so gut wie nichts zu verarbeiten hat.
99,965 Prozent Lichtabsorption
Seit BMW 2019 auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt ein X6-Showcar präsentierte, das ganz in Vantablack, dem "schwärzesten Schwarz der Welt" gehalten war, versuchen Autohersteller ultraschwarze Lackierungen zu entwickeln, die Superlativen gerecht werden – und dabei straßentauglich sind. Der BMW VB X6 blieb ein Einzelstück, schließlich ist die sprühbare Vantablack-Variante, die hier zum Einsatz kam, nicht nur extrem teuer, sondern auch so empfindlich, dass schon Staub oder Wasser die Optik ruinieren würde. Darüber hinaus ist es im Straßenverkehr allgemein von Vorteil, gut gesehen zu werden, weshalb in vielen Ländern derartige Beschichtungen verboten sind.
Das tiefe Schwarz von Vantablack erzeugt eigentümliche Effekte.
Vantablack wurde bereits 2012 von der britischen Firma Surrey NanoSystems für den Einsatz in der Wissenschaft kreiert. Es ist keine Farbe zum Pinseln, sondern besteht aus winzigen Kohlenstoffnanoröhren mit einem Durchmesser von 20 Nanometern und einer Länge von maximal 50 Mikrometern. Zur Veranschaulichung: Auf einem Quadratzentimeter der Substanz befindet sich etwa eine Milliarde vertikal ausgerichtete Nanoröhren. Aufgrund dieser Struktur verschluckt das Material bis zu 99,965 Prozent der einfallenden Lichtstrahlung.
Eine mit einem derartigen Material behandelte Oberfläche ist für das Auge praktisch nicht wahrnehmbar. Dreidimensionale Strukturen, Texturen und Schattierungen werden so gut wie unsichtbar, die Fläche wirkt dadurch zweidimensional. Es entsteht der Eindruck, in ein "schwarzes Loch" zu schauen.
Streit in der Kunstszene
Vantablack ist nicht im Handel für den Privatgebrauch erhältlich, es wird primär für die Auskleidung von Teleskopen und Kameras, aber auch beim Militär eingesetzt – Objekte, die mit diesem Spezialschwarz beschichtet sind, sind auch für Infrarot-Sensoren und Laser-Zielsysteme kaum fassbar.
2016 löste der britische Bildhauer Anish Kapoor einen Streit in der Kunstszene aus, als er sich das alleinige Nutzungsrecht für Vantablack zu Kunstzwecken sicherte. Daraufhin entwickelte der Künstler Stuart Semple das pinkeste Pink und weitere tiefschwarze Varianten, die frei zugänglich sind – nur nicht für Anish Kapoor. Black 4.0 von Stuart Semple und Musou Black vom japanischen Unternehmen Koyo sind extrem matte Acrylfarben, die nahezu so viel Licht absorbieren wie Vantablack.
Neuer Anstrich für Luxusautos
Neben Wissenschaft und Kunst interessiert sich weiterhin die Autobranche für pechschwarze Nuancen. Ein chinesisches Forschungsteam des China-Ablegers von Nippon Paint, einem der größten Hersteller von Farben und Beschichtungsmaterialien weltweit, hat nun im Fachblatt Matter & Light eine neue Methode vorgeschlagen, extrem schwarze Beschichtungen für Autos herzustellen, die praktikabler sind als die bisherigen Versuche.
"In China ist die Fahrzeugfarbe zu einem entscheidenden Verkaufsargument geworden", sagt Studienleiter Zhiwei Liu. "Tiefschwarze Lackierungen sind aufgrund ihres eleganten Erscheinungsbilds, ihrer starken visuellen Wirkung und ihrer luxuriösen Ausstrahlung seit langem die erste Wahl und die charakteristische Farbe für Luxusautos." Sein Team hat einen wasserbasierten Verbundstoff entwickelt, der Kohlenstoffnanoröhrchen und synthetisch hergestellte, nanoskalige Rußpartikel kombiniert.…
Read the full article at Der Standard →