Georg Platzer
Mehr analog, weniger digital? Ein überfälliger Kurswechsel für die Schulen
In Skandinavien ist die Digitalisierungseuphorie lange schon vorbei. Jetzt zieht Österreichs Bildungsministerium nach: Dass Laptops erst später ausgegeben werden, ist eine gute Nachricht
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Georg Platzer
Mit einer bemerkenswerten Kehrtwende ließ das Bundesministerium für Bildung jüngst aufhorchen: Die Ausgabe digitaler Endgeräte an Schülerinnen und Schüler wird um eineinhalb Jahren nach hinten verschoben. Ausschlaggebend seien internationale Studien, wonach deren Einsatz Konzentration, Lernleistung und soziale Interaktion beeinträchtigen könnte. Die ersten Klassen der Sekundarstufe I sollen daher künftig zunächst ohne eigene digitale Endgeräte auskommen.
Lernen mit Tablet und Computer? Die Ausgabe digitaler Endgeräte wird in Österreich gerade nach hinten verschoben.
Unabhängig davon, ob neben den pädagogischen Erwägungen auch budgetäre eine Rolle spielen, bleibt der Schritt beachtlich – galt doch die Digitalisierung, vor allem der jüngsten Schulkinder, über lange Zeit hinweg als nahezu alternativloses Zukunftsprojekt. Tatsächlich fügt sich die Maßnahme aber in eine Entwicklung ein, die in mehreren skandinavischen Ländern bereits seit einigen Jahren zu beobachten ist. Dort ist nach einer Phase der Digitalisierungseuphorie zunehmend Ernüchterung eingekehrt. Österreich täte gut daran, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Was es hierzulande braucht, ist nicht bloß eine Verzögerung der Geräteausgabe, sondern den Beginn einer Analogisierungsoffensive an den Schulen.
"Bildung zielt nicht auf Anpassung, sondern auf Mündigkeit."
Gesicherte Daten zur Frage, welche Wirkung die Ausstattung von Klassen mit Laptop und Co tatsächlich erwarten lässt, liegen seit etlichen Jahren vor. Neuere Forschungsergebnisse haben die Skepsis eher verstärkt als entkräftet. Die OECD weist darauf hin, dass digitale Geräte im Unterricht häufig zu Ablenkung führen und mit schlechteren Leistungen einhergehen können. Zugleich bestätigen aktuelle Meta-Analysen, dass handschriftliche Aufzeichnungen Lerninhalte nachhaltiger verankern als das Tippen auf Tastaturen und dass Texte auf Papier im Durchschnitt besser verstanden werden als auf Bildschirmen.
Konzentriertes Arbeiten
Diese Befunde decken sich weitgehend mit den Erfahrungen vieler Lehrkräfte aus der Praxis: Die Ablenkung, die von den Geräten ausgeht, erschwert konzentriertes Arbeiten und Nachdenken erheblich. Zudem gibt es kaum Möglichkeiten zu verhindern, dass KI-Software vermehrt dazu eingesetzt wird, im Unterricht gestellte Aufgaben an Maschinen auszulagern – insbesondere, weil die Nutzung digitaler Schulbücher einen ständigen Zugang zu entsprechenden Anwendungen ermöglicht.
Nicht zuletzt haben Lehrkräfte es häufig mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die außerhalb des Schulalltags bereits sechs bis acht Stunden täglich vor Bildschirmen verbringen. Dass diesem Medienkonsum ausgerechnet im Unterricht mit noch mehr Bildschirmzeit begegnet wird, erscheint fragwürdig.
Vor diesem Hintergrund wirkt der erste Vorstoß zu einer bildungspolitischen Neuorientierung nur gerechtfertigt. Weitere Schritte lägen dabei auf der Hand: Schulen müssen wieder verstärkt jene Fähigkeiten fördern, die konzentriertes Lernen und vertiefte Auseinandersetzung mit Inhalten ermöglichen. Dazu gehören das Lesen umfangreicher Texte, fokussiertes und ausdauerndes Arbeiten, das Schreiben mit der Hand sowie die selbstständige Erschließung von Wissen – auch gegen den Widerstand immer kleiner scheinender Aufmerksamkeitsspannen.
Nicht Selbstzweck
Entschleunigung hieße in diesem Zusammenhang das entscheidende Schlagwort. Gespräche, Dialoge, Lektüre, Text- und Projektarbeit würden zu elementaren Lernformen erhoben, während der Computer dort zum Einsatz kommt, wo er tatsächlich Vorteile bringt – nicht als bloßer Selbstzweck. Dass es Unterrichtsbereiche gibt, in denen digitale Technologien unverzichtbar sind, bleibt dabei unbestritten; zur Debatte steht nicht ihr Einsatz an sich, sondern ihr Stellenwert im schulischen Alltag.
Ein solches Verständnis von Bildung erkennt an, dass es in der digitalen Welt nicht ausschließlich auf den Umgang mit Technik ankommt. Deren Bedienung, Anwendung und Weiterentwicklung werden sich junge Menschen aufgrund ihrer hohen Anpassungsfähigkeit mit ein wenig Unterstützung meist rasch aneignen. Entscheidend ist vielmehr, sich von ihr nicht vereinnahmen zu lassen. Bildung zielt nicht auf Anpassung, sondern auf Mündigkeit.
Produktiv nutzen
All das bedeutet freilich nicht, dass digitale Technologien aus den Schulen verbannt werden sollten. Im Gegenteil. Es gilt vielmehr, einen vernünftigen Rahmen für die Nutzung zu schaffen. Insbesondere in bereits etablierten Unterrichtsfächern wie der digitalen Grundbildung oder dem Informatikunterricht müssen Funktionsweisen, Möglichkeiten und Grenzen des Digitalen systematisch vermittelt wer…
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