Gleich wird Aram Babayants vor die Menge treten. Der 21-Jährige steht im Foyer der reformierten Kirche im niederländischen Kampen. Die Familie hat heute einen ihrer vielen Medienauftritte. Aram tritt von einem Fuß auf den anderen, fährt sich durchs schwarze Haar, läuft zum Fenster. Durch die Scheibe der Kirche Open Hof sieht er, wie sich fast 50 Menschen an diesem sonnigen Apriltag versammelt haben. Da sitzen ältere Damen auf ihren Rollatoren, Männer halten ihre Smartphones hoch. Sogar ein Fernseh- und ein Radioteam sind gekommen. Aram bläst seine Wangen auf und stößt die Luft wieder aus. Neben ihm warten Aleksa, 4 Jahre alt, Amelia, 12, und Ariana, 15. Sie werfen sich angesichts der Menge einen ungläubigen Blick zu. Hinter den Kindern stehen die Eltern Aleksandar und Karina, sie halten sich im Arm. Dann, gegen 16.10 Uhr, gehen die Babayants los: Schritt für Schritt nähern sie sich der Türschwelle. Überschreiten dürfen sie diese nicht.
Seit November 2024 lebt die christliche Familie in Open Hof im Kirchenasyl . Würde sie das Gebäude verlassen, könnte die Polizei sie abführen, zum Flughafen fahren und nach Usbekistan abschieben. Sohn Aram ist mittlerweile zu einer Art Sprecher der Familie geworden. »Das Einzige, was uns helfen kann«, wird er an diesem Tag sagen, »ist Aufmerksamkeit für unseren Fall.«
Dass die Familie noch immer hier ist, verdankt sie den Menschen da draußen. Die Gemeindemitglieder feiern seit dem Beginn ihres Asyls durchgehend einen Gottesdienst. Die Gemeinde beruft sich auf eine rechtliche Besonderheit: Solange ein solcher drinnen läuft, darf die Polizei das Gebäude nicht betreten. Alle zwei Stunden reicht darum ein Geistlicher die Kerze an den nächsten weiter. Seit mehr als 500 Tagen und Nächten wird in Open Hof gebetet, gepredigt und gesungen.
Während die Familie in der Kirche festsitzt, lebt die Gemeinde auf. Hier in Kampen, nahe dem Ijsselmeer, testen die Menschen neue Gottesdienstformen. Starre Liturgien werden durchbrochen, manche Gruppen reisen eigens an. Im Foyer trifft man in den kommenden 24 Stunden auf fast zwei Dutzend freiwillige Helfer, darunter etliche kirchenferne Kampener. Eine Frau erzählt, sie habe wieder »einen Sinn« im Gotteshaus erkannt, das sie viele Jahre nicht betreten habe. Auf die gut integrierten Babayants können sich offenbar alle einigen, und das immerzu geöffnete und beleuchtete Gebäude wirkt so einladend und belebt, als habe die Kirche hier nie an Bedeutung verloren.
Doch all der Enthusiasmus, so sagen es selbst Kirchenmitglieder hinter vorgehaltener Hand, berge die Gefahr, dass er zulasten der Kinder gehen könne. Wie lange kann man sie noch in diesem Schwebezustand lassen? Und noch eine zweite Frage steht im Raum: Wer rettet hier eigentlich wen: die Kirche die Familie oder die Familie die Kirche?
In EW, einem der bekanntesten Nachrichtenmagazine der Niederlande , heißt es, die emotionale Berichterstattung über den Einzelfall sei zum »Strohhalm« für die Familie geworden, die Medien berichteten wie in einer »Reality Soap«. Doch die Frage, was nun passieren müsse, nachdem der Rechtsweg erfolglos geblieben sei, werde kaum thematisiert. Stattdessen würde die Autorität des Rechtsstaats in Zweifel gezogen.
Die Geschwister lernten, wie Mediensprecher aufzutreten
Die Babayants sind nun an der Türschwelle angekommen. Vor ihnen hängt eine Glocke, an der eine Schnur befestigt ist. Ein Helfer legt sie Arams Vater in die Hand, gleich soll er daran ziehen. Denn um Punkt 16.20 Uhr werden in den Niederlanden 800 Kirchen ihre Glocken läuten lassen – als Zeichen für 420 Kinder, denen die Abschiebung droht.
»Zes, vijf, vier«, zählt die Menge herunter, »drie, twee, één«. Für einen Augenblick herrscht Stille. Dann erklingt der laute Gong der Kirche. Hell antwortet die kleine Glocke des Vaters.
Aram Babayants verbringt seine Zeit in der Kirche mit Motivationsvideos und Liegestützen. © Ilvy Njiokiktjien für DIE ZEIT
In den nächsten fünf Minuten bricht ein großes Geläut im Land aus. Mutter Karina rollt eine Träne über das Gesicht. Auch im Publikum werden Taschentücher gezückt. Als Vater Aleksandar zum Gebet niederkniet, übernehmen Aram und seine Schwester die Schnur. Immer wieder ziehen sie daran. Dann läutet nur noch Aram. Er läutet und läutet.
Etwas früher an diesem Tag lassen sich Aram und seine Schwester in einem Konferenzsaal der Kirche nieder, um ihre Geschichte zu erzählen. Bei dem Gespräch ist auch ein Vertreter der Kirche anwesend. Die niederländische Regierung hingegen hat auf eine schriftliche Anfrage der ZEIT zum Fall nicht geantwortet. Die Geschichte der Geschwister deckt sich mit der Berichterstattung niederländischer Medien. Doch immer, wenn der Reporter wissen möchte, warum die Familie überhaupt in die Niederlande kam, werden die beiden wortkarg. Aram spricht von »individuellen« Problemen.
Aus den Gerichtsakten, die der ZEIT vorliegen, geht hervor, dass die Familie am 14. März 2014 in die Niederlande einreiste. Wenige Tage später beantragten die Babayants…
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