Mit Theologie Politik machen
Katechon - das neue Apokalypse-Schlagwort der Rechten
Stand: 18.06.2026 âą 13:44 Uhr
Halten Trump und Putin den Satan auf? Manche ihrer AnhÀnger glauben das. Ein alter Begriff aus der christlichen Theologie wird von ihnen politisch aufgeladen - und so landen sie mitten in ErzÀhlungen vom nahenden "Untergang".
Von Ralph Glander, BR
Wenn man nach einem Begriff sucht, um die WidersprĂŒche und ideologischen Volten der autoritĂ€ren Rechten besser zu verstehen, stöĂt man irgendwann auf einen Begriff aus der christlichen Theologie: Katechon. Das altgriechische Wort taucht seit einigen Jahren immer wieder in rechten Debatten auf - als rĂ€tselhafte Deutungsfigur rechts-esoterischer Visionen von Geschichte, Politik und Ordnung.
Katechon stammt aus der Bibel, genauer: dem Zweiten Brief an die Thessalonicher im Neuen Testament, der vermutlich vom Apostel Paulus verfasst wurde oder von einem seiner SchĂŒler. Die frĂŒhen Christen lebten in der Erwartung der baldigen Wiederkehr Christi und des nahen Weltendes. Diese Erwartung erfĂŒllte sich jedoch nicht sofort - ein Umstand, den die Theologie spĂ€ter als "Parusieverzögerung" bezeichnete. Der Katechon bezeichnet in dieser Deutung eine geheimnisvolle Kraft, die den Antichristen aufhĂ€lt und damit die Apokalypse verhindert.
Katechon-Figur lÀsst sich flexibel besetzen
Wie passt dieser Begriff nun in rechtsnationalistisches Gedankengut? "Es geht um eine bildungshubernde Aufwertung des eigenen Vokabulars", sagt der Historiker und Publizist Volker WeiĂ. In seinem kĂŒrzlich erschienenen Buch "Katechon: Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart" zeichnet er die Geschichte und politische Karriere des Begriffs nach. In der Politik der Rechten lasse sich eine Wiederkehr der Religion beobachten, sagt WeiĂ.
Wer oder was dieser Katechon ist, bleibt im biblischen Text offen. Gerade diese Unbestimmtheit macht den Begriff bis heute anschlussfĂ€hig. "Der Vorteil der Katechon-Figur ist letztlich, dass sie unbestimmt bleibt", sagt WeiĂ. Anders als beim Messias sei nicht festgelegt, wer diese Rolle ausfĂŒllt. Dadurch lasse sich die Figur flexibel politisch besetzen.
Das Böse fest im Blick? FĂŒr manche fundamentalistische Christen in den USA ist Donald Trump jedenfalls der Katechon.
Hauptauftrag: Das Böse aufhalten
Schon frĂŒh versuchten Theologen diese Leerstelle zu fĂŒllen. Der Kirchenvater Tertullian sah um das Jahr 200 herum etwa das Römische Reich als Katechon - nicht wegen seiner moralischen QualitĂ€t, sondern weil es eine bestehende Ordnung garantierte. Der Katechon muss demnach nicht gut sein; entscheidend ist allein, dass er etwas vermeintlich Schlimmeres aufhĂ€lt.
Der Begriff wurde spĂ€ter immer wieder unterschiedlich angewendet: mal auf die Kirche, mal auf den Staat, mal auf die imperiale Ordnung. Im 20. Jahrhundert griff Carl Schmitt - der wohl fĂŒhrende Staatsrechtler der Nationalsozialisten - den Begriff auf und machte ihn zu einem zentralen Element seiner politischen Theologie. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sah Schmitt im Katechon eine Kraft, die den Zerfall der politischen Ordnung aufhĂ€lt. Besonders der Liberalismus der Amerikaner erschien ihm dabei als Bedrohung. Der Katechon wurde bei Schmitt so zum Symbol des Widerstands gegen einen progressiven politischen und gesellschaftlichen Wandel.
HĂ€lt Trump den Satan auf? Oder doch Putin?
Es ĂŒberrascht daher kaum, dass der Begriff des Katechon gerade jetzt wieder Konjunktur hat. Kriege, Krisen, taumelnde Demokratien und autokratische FĂŒhrungsfiguren begĂŒnstigen das BedĂŒrfnis nach einfachen Deutungen. Genau das liefert der Katechon: das Narrativ eines apokalyptischen Kampfes zwischen dem Antichristen und einem mĂ€chtigen Aufhalter, der sich ihm entgegenstellt und den Untergang abwendet.
Wladimir Putin als letzte Instanz vor dem "nahenden Untergang"?
So eine Denkfigur ist besonders anschlussfĂ€hig fĂŒr rechtspopulistische und rechtsextreme Ideologien. Sie besetzen die Figur des Aufhalters nĂ€mlich konkret: Der russische Ultranationalist und Ideologe Alexander Dugin stilisiert Wladimir Putin zum katechontischen Potentaten - zum Ein-Mann-Bollwerk gegen eine postmoderne, dekadente liberale Weltordnung.
In den USA wiederum sehen fundamentalistische Christen und Teile der MAGA-Bewegung in US-PrĂ€sident Donald Trump den Katechon. Auch der AfD-Politiker Maximilian Krah griff den Begriff auf und fragte im Februar 2025 auf X: "Ist Trump der Katechon?" Nachdem Trump mit seiner disruptiven Politik StĂŒck fĂŒr StĂŒck die Fundamente US-amerikanischer Politik zerstörte, war Krah sich dessen dann sicher.
FĂŒr Volker WeiĂ zeigt sich darin die Beliebigkeit der Figur. "Was des einen Katechon, ist des anderen Satan", sagt er. Nahezu jede politische Figur könne so bezeichnet werden, solange sie gegen das jeweils definierte Feindbild kĂ€mpft. Entscheidend ist nicht die Person, sondern die zugeschriebene Funktion.
Technische Innovation als Katechon
Noch weiter von seinem theologischen Ursprung entfernt sich der BegrâŠ
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