Digitale Souveränität
Euro-Office 1.0: Die "europäische Alternative" zu Microsoft ist da – und stark umstritten
Das Libreoffice-Projekt wirft der neuen Konkurrenz vor, ein "De-facto-Verbündeter" von Microsoft zu sein und mit Falschbehauptungen zu werben
Andreas Proschofsky
Digitale Souveränität ist ein Begriff, den europäische Politikerinnen und Politiker seit dem Amtsantritt von Donald Trump mit zunehmender Begeisterung in den Mund nehmen. Diese Idee vage zu unterstützen ist freilich leicht, sie auch umzusetzen, hingegen etwas ganz anderes. Insofern ist zunächst einmal jedes Projekt zu begrüßen, das wirklich konkret beim Abgang von US-Diensten helfen soll. Dass das alleine aber noch nicht ausreicht, um allerorten Begeisterung auszulösen, zeigt nun ein neues Unterfangen.
Weg von Microsoft Office: Das wollen viele. Wohin und wie, sind die wesentlich schwierigeren Folgefragen.
Es ist da
Mit Euro-Office 1.0 wurde jetzt eine webbasierte Office-Suite vorgestellt, die sich nicht weniger zum Ziel gesetzt hat, als eine echte Open-Source-Alternative zu den diesen Bereich dominierenden Services von Microsoft und Google zu bieten.
Dass das jetzt so schnell geht, hat einen triftigen Grund: Man beginnt nicht bei null. Euro-Office ist ein Ableger des bereits seit längerem verfügbaren OnlyOffice. Zudem stehen hinter Euro-Office zahlreiche namhafte europäische Firmen mit eindeutiger Expertise. Neben Nextcloud zählt auch Ionos zu den zentralen Akteuren. Diese wollen Unternehmen dazu bringen, die Software in ihre Cloud-Umgebungen zu integrieren und damit Microsoft 365 und Google Workspace abzulösen.
Scharfe Kritik
Klingt zunächst gut, stößt aber nicht nur auf positive Resonanz. Die schärfste Kritik kommt dabei ausgerechnet aus dem Open-Source-Lager. Die hinter LibreOffice stehende The Document Foundation (TDF) wirft dem Euro-Office-Projekt vor, de facto ein Verbündeter von Microsoft zu sein. Der Grund dafür ist die Wahl des Default-Dateiformats.
Von Haus aus verwendet Euro-Office nämlich OOXML, das von Microsoft vor einigen Jahren vorgestellt wurde und von Kritikerinnen und Kritikern seitdem konsequent als "pseudooffen" bezeichnet wird, da es unter alleiniger Kontrolle des Konzerns steht. Wer ein wirklich offenes Format benötige, müsse hingegen zu ODF aus der LibreOffice-Welt greifen, das auch frei standardisiert ist, heißt es in einem offenen Brief . Mit der Wahl von OOXML stärke Euro-Office hingegen die Position von Microsoft nur weiter.
Reaktion
Mittlerweile hat das Euro-Office-Projekt auf die Kritik reagiert: In einer Stellungnahme versichert man, dass man prinzipiell der Aussage zustimmt, dass "proprietäre Dateiformate ein Hindernis für digitale Souveränität sind". Entsprechend sieht man die Wahl von OOXML als eine Art Übergangslösung, in einem nächsten Schritt soll der Support für ODF verbessert werden. Ist dieser einmal gut genug, soll ODF Standard werden, wobei man hier von einem "langfristigen" Ziel spricht, einen raschen Wechsel sollte man also nicht erwarten
Falsche Werbung
Verärgert zeigt man sich aber auch über das öffentliche Auftreten von Euro-Office. Dies werde als die "erste Open-Source-Office-Suite, die in Europa entwickelt wurde", beworben. Das sei schlicht gelogen, hält die TDF fest. Diese Rolle komme nämlich OpenOffice zu, das bereits im Jahr 2000 gestartet wurde und aus dem in späteren Jahren LibreOffice hervorgegangen ist.
Euro-Office 1.0
Zwar hat OpenOffice seinen Vorläufer im StarOffice des damaligen US-Softwareriesen Sun Microsystems, auf solche Ahnenforschung sollte man sich bei Euro-Office aber tatsächlich lieber nicht einlassen. Immerhin hat OnlyOffice wiederum russische Wurzeln, auch wenn es mittlerweile über viele Länder verteilt entwickelt wird. Zudem ist die Document Foundation als Trägerorganisation für LibreOffice in Berlin angesiedelt.
Andere Baustellen
Es ist übrigens nicht die erste Kontroverse, mit der sich Euro-Office konfrontiert sieht. Zeigten sich doch die Entwickler von OnlyOffice schon nach der Ankündigung des neuen Projekts wenig begeistert über die unerwünschte Abspaltung des eigenen Codes.
Auch wenn man durch die gewählte Lizenz wohl wenig gegen die Weiterverwendung des eigenen Codes durch Euro-Office tun kann, warf OnlyOffice dem neuen Projekt umgehend vor, dass durch die Entfernung des OnlyOffice-Brandings einen Rechtsverstoß begangen wurde. Das brachte OnlyOffice wiederum Kritik aus der Open-Source-Welt ein, weil das – selbst falls diese Rechtsauffassung vor Gericht haltbar wäre – gegen den Gedanken der Lizenz verstößt.
Ganz neu ist die Kritik übrigens nicht, die Popularität von OnlyOffice unter den Verfechtern freier Software hält sich schon länger in engen Grenzen. Immer wieder wurde dem Projekt vorgeworfen, dass man sich nicht korrekt an die gewählte Softwarelizenz AGPL hält – unter anderem von deren Autor Bradley M. Kuhn. (Andreas Proschofsky, 10.6.2026)
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