Francis Fukuyama
Der international renommierte Politologe Francis Fukuyama legt mit „Der letzte Mensch“ ein Buch vor, in dem er Rückschau auf sein Werk hält und zugleich einen Befund der Gegenwart vorlegt. Dabei fokussiert er auf eine These, auf die bereits sein Weltbestseller „Das Ende der Geschichte“ zusteuerte: dass auf den Siegeszug liberaler Demokratien samt freier Marktwirtschaft nach dem Ende des Kalten Krieges die Bekämpfung von beidem folgen würde – und zwar von innen. Dabei spielt, so Fukuyama, die Langeweile eine zentrale Rolle.
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„Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?“ heißt das neue Buch des heute 73-jährigen US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Fukuyama, der seit „Das Ende der Geschichte“ zu den bekanntesten Politologen der Gegenwart zählt. Fukuyama hebt hervor, dass er die Folgen des liberalen Siegeszugs bereits 1992, als sein Weltbestseller erschienen ist, mitgedacht hatte – nur habe kaum jemand das Buch zu Ende gelesen.
Der Originaltitel lautete „The End of History and the Last Man“ – und dieser „letzte Mensch“ sei der Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart. Die Idee des „letzten Menschen“ stammt vom deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche und ist der Gegenentwurf zu seiner Idee des „Übermenschen“. Im ORF-Interview erklärte Fukuyama, der zur Zeit Fellow am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen ist, Nietzsche sei davon ausgegangen, „dass Menschen nicht nur Frieden wollen und Wohlstand, sondern dass da etwas in der menschlichen Natur ist, das nach Größerem strebt. Niemand will ‚der letzte Mensch‘ sein.“
Fukuyama wurde mit seinem Buch vom „Ende der Geschichte“ weltweit bekannt
Und er führte aus: „Einer der Gründe, warum populistische Parteien weltweit erstarken und es zurzeit so viel Unruhe und Chaos gibt, ist, dass es eine gewisse Langeweile gibt angesichts der liberalen Weltordnung.“ Die Zeit, in der „die liberale Demokratie wie eine aufregende neue Idee erschien, da sie frühere Gesellschaftsordnungen, die auf Tradition, ererbtem Status und festen Hierarchien beruhten, verdrängte“, sei vorbei.
Die Erfahrung von Diktatur
„Wer einmal in einer Diktatur gelebt hat, weiß, was die Vorteile des Lebens in einer liberalen Demokratie sind“, sagte Fukuyama. 1989 seien Millionen von Menschen auf die Straße gegangen und hätten nach Freiheit verlangt, nachdem sie die Erfahrung von Gewalt und Unterdrückung gemacht hatten. Diese Erfahrung liege, besonders in Europa, lange zurück: Menschen würden vergessen.
Fukuyama führt in seinem neuen Buch aus, dass die Welt seit Beginn der 1970er Jahre das Phänomen des globalen Anstiegs von Demokratien erlebt. In den folgenden Jahrzehnten stieg die Zahl von etwa dreißig auf weit über hundert. Er schreibt: „Wir leben nun schon seit einiger Zeit im Reich des letzten Menschen. Der Extremismus, den wir sowohl rechts als auch links beobachten, ist in gewisser Weise eine Revolte gegen die verflachten Horizonte, die von liberalen Gesellschaften geschaffen wurden, in denen wir dazu angehalten werden, grenzenlos offen, tolerant und vorurteilsfrei zu sein.“
In „Der letzte Mensch“ verbindet Fukuyama Fachliches und Persönliches – hier im Bild mit seiner Mutter
Ideologische Wende
Spätestens mit der Finanzkrise 2008 wurde diese Entwicklung hin zu liberalen Demokratien umgekehrt – seitdem sei das Modell auf dem Rückzug, so Fukuyamas Analyse. Die Finanzkrise und der Krieg im Irak 2003 hätten auch sein eigenes Denken maßgeblich verändert, schreibt Fukuyama in seinem neuen Buch, das auch eine intellektuelle Autobiografie ist.
Ursprünglich in der neokonservativen Bewegung verwurzelt, war Fukuyama etwa der Meinung, dass die USA ihre Macht auch militärisch einsetzen sollten, um weltweit Demokratien zu fördern – er wandte sich schließlich davon ab.
Francis Fukuyama: Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt? Hoffmann und Campe, 272 Seiten, 26,80 Euro.
Im Interview mit dem ORF sagte er: „Der verheerende Irak-Krieg und die Finanzkrise haben mich verändert – beides war das Resultat konservativen Denkens. Wenn die Ideen schlechte Resultate hervorbringen, muss man seine Ideen überdenken. Das habe ich getan!“ Den aktuellen Iran-Krieg hält er für die Wiederholung des Fehlers, den die USA 2003 im Irak gemacht hätten.
Familiäre Prägung
Im Laufe seines Lebens habe er sich seinem Vater, der Kind japanischer, bäuerlich geprägter Einwanderer war, ideologisch angenähert. Als Student war ihm sein Vater, der promovierter Soziologe und Theologe war, zu weit links gewesen – zumal aus amerikanischer Perspektive.
Das sorgte immer wieder für Auseinandersetzungen im Hause Fukuyama. Heute sieht er es anders. Der Konservativismus in den USA der Gegenwart sei überhaupt einer, mit dem er nichts zu tun haben wolle, sagte Fukuyama im Interview. Unter Donald Trump sei dieser zu einem Konglomerat an Verschwörungstheorien verkommen, zu einer „irren Doktrin“.
Wiederwahl Trumps als größte politische Überraschung
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