„Wir schaffen das!“, sagte Angela Merkel am 31. August 2015 mit Blick auf die Bewältigung der Flüchtlingskrise. „Wir schaffen das!“, beschwor nun Friedrich Merz mit Blick auf den Zusammenhalt der schwarz-roten Koalition die eigene Handlungsfähigkeit.
Mehr als zehn Jahre liegen dazwischen. Und wieder wird ein schwer belasteter Satz zur politischen Beschwörungsformel. Er soll Zuversicht stiften, erzeugt aber bei vielen eher ein irritiertes inneres Zucken. Nicht, weil die Deutschen unfähig zur Hoffnung wären, sondern weil er zu oft nach moralischer Hülse klingt: groß genug, um ein Land zu umfassen, zu unkonkret, um einen Alltag zu verändern.
Die Formel ist nicht deshalb erschöpft, weil Hoffnung falsch wäre. Sie ist erschöpft, weil sie ein „Wir“ beschwört, ohne ein „Was genau“ zu liefern. Eine erschöpfte Gesellschaft reagiert auf solche Appelle nicht automatisch mit Aufbruch. Sie fragt nicht: „Klingt das gut?“ Sie fragt: „Wird diesmal wirklich etwas eingelöst?“ Das eigentliche Problem der Bundesregierung ist deshalb nicht nur Reformstau. Es ist die Erschöpfung an großen Ankündigungen.
Das Vertrauenskonto ist überzogen
In unseren tiefenpsychologischen Interviews für das „Deutschland-Psychogramm“ von concept m zeigt sich dieses Muster seit Monaten sehr deutlich: Viele Menschen sind nicht gegen Reformen. Sie sind gegen Reformen, die groß angekündigt, in Kommissionen vertagt und in Koalitionsrunden verdünnt werden. Das Vertrauenskonto ist überzogen. Reformrhetorik wird nicht mehr als Zukunftsversprechen gehört, sondern als mögliches Belastungssignal: Was wird teurer? Wer zahlt? Was wird mir weggenommen?
Das ist kein Widerspruch. Es ist die Ambivalenz einer überreizten Mitte. Sie will Veränderung, aber nicht blind in die nächste Zumutung laufen. Sie sucht Führung, traut den Führenden aber nur noch begrenzt. Und sie verlangt Entscheidung – bis spürbar wird, was entschieden wurde.
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Diese Mitte ist kein bloßer Ort im Parteienspektrum. Sie ist ein Gefühl von Verhältnismäßigkeit – das Erleben, dass es zwischen Einsatz und Ertrag noch einen erkennbaren Zusammenhang gibt. Vertrauen beschreibt ein schlichtes, aber politisch hochsensibles Gefühl: Mein Alltag wird gesehen, mein Einsatz zählt, Belastungen werden fair verteilt – und Zukunft heißt nicht nur neue Zumutung, sondern wieder Gestaltungsspielraum und Perspektiven.
Dieses Gefühl hat Risse bekommen. Die Krisen der vergangenen Jahre haben sich aufgestapelt: äußere Bedrohungen, wirtschaftlicher Druck und der Eindruck, dass der Staat an zu vielen Stellen nicht mehr sauber funktioniert. Viele Bürger erleben keine Probleme mehr, die nacheinander gelöst werden, sondern eine Welt, in der alles zugleich drückt. Daraus entsteht nicht nur Ärger, sondern ein Gefühl von Wirkungslosigkeit: Die Politik wirkt überfordert, und man selbst fühlt sich kaum noch wirksam.
Der Begriff „Reform“ ist psychologisch beschädigt
Menschen sind durchaus bereit, Einschränkungen zu tragen – aber nicht ins Leere hinein. Der innere Deal lautet nicht: „Ich opfere etwas, weil ein Politiker es verlangt.“ Er lautet: „Ich verzichte heute, damit morgen wieder etwas möglich wird.“ Opferbereitschaft entsteht nicht durch Appell, sondern durch Chancen auf mehr Selbstwirksamkeit: Mein Beitrag zählt, die Lasten sind nachvollziehbar, und ich erkenne, woran Fortschritt sichtbar wird – für das Ganze und für mich.
Darum ist der Begriff „Reform“ inzwischen psychologisch beschädigt. Für die einen bedeutet er Bürokratieabbau, für andere Rentenkürzung, Steuererhöhung oder Kontrollverlust. Wieder andere hören nur das alte Geräusch: große Worte, kleinteiliger Kuhhandel. Ohne konkrete Zielarchitektur wird „Reform“ zum Sammelbegriff für diffuse Verlustfantasien.
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Dabei ist völlig unbestreitbar: Deutschland braucht große Reformen, die diesen Namen auch verdienen. Wer den Standort wieder auf die Beine bringen will, kann sich nicht mit kosmetischen Korrekturen begnügen. Ganze Systeme sind nicht nur reparaturbedürftig, sondern strukturell überaltert.
Der große Wurf ist kein Wunschdenken, er ist schlicht notwendig. Aber genau deshalb darf er nicht durch große Rhetorik verspielt werden. Große Reformen scheitern nicht erst im Parlament. Sie scheitern am Misstrauen der Bürger – schon lange vorher.
Nehmen wir die Bürokratie – das Feld, das sich besonders eignet, um Einlösung sichtbar zu machen. Nicht durch ein weiteres Entlastungspaket, das selbst wieder neue Formulare, Prüfverfahren und Berichtspflichten erzeugt. Sondern durch Streichung, Weglassen, Vereinfachung. Eine gestrichene Berichtspflicht ist unspektakulär. Sie ist aber spürbar. Und das ist der Unterschied.
Eine Regierung, die für eine begrenzte Zeit aufhört, neue Gesetze anzukündigen, und stattdessen alte Zumutungen abbaut, macht etwas Seltenes: Sie liefert. Jede neue Regel kann neue Ohnmacht erzeugen. Ein Staat, der ständig neue Komplexität produziert, verliert irgendwann die Autorität, sie zu ordnen.
Eine Koalition der Vorsicht und des Zöger…
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