Sind wir nicht alle ein bisschen Al McWhiggin? Bald kommt „Toy Story 5“ ins Kino. Zeit, an den Antihelden aus dem Klassiker „Toy Story 2“ zu denken.
In seinem Apartment im 23. Stock sitzt Al McWhiggin auf der Couch und versiegelt Spielzeug. Vor ihm: eine Vitrine voll Originalverpackungen aus den Fünfzigern, Erstausgaben, Sammlerstücke. Daneben: eine Tüte Cheeze Doodles. Im Fernsehen läuft Wrestling. McWhiggin trägt einen verfleckten Bademantel, dazu Tag-Bartwuchs und die feuchte Verzweiflung eines Mannes, der seit Wochen niemanden mehr berührt hat.
Tagsüber tritt er im selben Apartment in einem Hühnerkostüm vor die Kamera und brüllt die Werbung für seine Spielzeug-Lagerhalle „Al’s Toy Barn“ in die amerikanischen Wohnzimmer. So sah 1999 der Albtraum aus, vor dem Pixar warnen wollte : Das passiert, wenn du Spielzeug nicht mehr bespielst, sondern verkaufst und einsargst.
Heute heißt der Albtraum Labubu – und er ist Volkssport.
Zwanghaft festhaltend
Al McWhiggin, der Antagonist aus „Toy Story 2“, an den man jetzt, da die Fortsetzung „Toy Story 5“ in die Kinos kommen wird, erinnern kann, ist eine Karikatur des amerikanischen Sammlers in der Spätphase des Junggesellentums. „Anal retentive“, notierten die Drehbuchautoren in ihre Figurenbeschreibung, also: zwanghaft festhaltend. Pixar zitiert hier mit voller Absicht den frühen Freud, für den dieser Charaktertyp aus einer fehlgegangenen Sauberkeitserziehung hervorgeht – aus der Lust am Behalten.
taz schneller googeln
Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.
Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia .
McWhiggin gibt nichts her. Er will Woody, die Hauptfigur, nicht spielen, sondern verschweißt und in Tokio eingesargt sehen, als Teil der kompletten „Roundup Gang“, samt Jessie, Bullseye und dem fiesen alten Stinky Pete. Spielzeug, das nie wieder ein Kind anfasst. Eine Vitrine ist McWhiggins Liebeserklärung – sie hat den Vorteil, dass das Geliebte nicht verschleißt.
1999 war das eine Außenseiterposition. Ebay war vier Jahre alt, Sammler galten als Hobbykeller-Spezialisten mit Excel-Listen und schlechtem Atem. Wer Steiff-Tiere im Originalkarton hortete oder „Star Wars“-Figuren mit ungeöffneter Blisterkarte ersteigerte, war Stoff für Reportagen über skurrile Subkulturen.
Der Markt für Sealed Mint Condition existierte, aber er war ein Markt für Freaks. Pixar nahm sich diesen Freak als Bösewicht vor und kontrastierte ihn mit Andys Kinderzimmer, in dem Spielzeug abgegriffen, geliebt und genau dadurch Spielzeug war. Die Moral des Films lautete: Wer versiegelt, ist krank. Wer bespielt, ist gerettet.
Vierstellige Summen auf den Plattformen
26 Jahre später hat der chinesische Konzern Pop Mart von einer einzigen Plüschfigur, dem grinsenden Elfen-Monster Labubu, im Jahr 2025 weltweit über hundert Millionen Stück verkauft. Der Aktienkurs ist auf dem Höhepunkt des Hypes um mehr als zweihundert Prozent gestiegen. Rihanna trägt Labubu an der Birkin Bag, Blackpinks Lisa postet ihre Sammlung.
Sondereditionen wechseln auf Resale-Plattformen für vierstellige Summen den Besitzer; die chinesischen Fälschungen heißen liebevoll „Lafufu“. Daneben, kaum weniger erfolgreich: Sonny Angel, Smiski, Funko Pop, Crybaby, Skullpanda, Hacipupu – ein ganzer Zoo aus designter Niedlichkeit, hergestellt nicht zum Spielen, sondern zum Posieren, Posten, Stapeln. Die teuerste Variante eines Spielzeugs ist jene, die nie ein Spielzeug war.
Al McWhiggins Apartment ist global geworden.
Was ist passiert? Pop Mart hat die Logik der Sammlerszene auf den Massenmarkt übersetzt: künstliche Knappheit (limitierte Drops), inszenierter Zufall (in der Blindbox weißt du nicht, was du kriegst), sofortige Liquidität (Resale-Plattformen mit Echtzeitpreisen). Das Spielzeug wird zum Wettschein. Der Spieltrieb wird vom Glücksspieltrieb gefressen. Wo McWhiggin 1999 noch heimlich in spezialisierten Auktionshäusern wühlte, scrollt heute jeder Teenager bei Tiktok durch Unboxing-Videos. Die Erwachsenen scrollen mit.
Weil etwas fehlt
Und hier wird es interessant. Denn die ehrliche Frage lautet nicht, warum die Hersteller solche Mechanismen einsetzen – das ist Lehrbuch, Skinner-Box, Verhaltensökonomie für Anfänger. Die Frage ist, warum es funktioniert. Warum erwachsene Menschen sich Plüschmonster ans Revers hängen, deren Hauptqualität darin besteht, dass es schwer war, sie zu kriegen.
Die kurze Antwort: weil etwas fehlt.
Die Spätmoderne mutet ihren Subjekten eine Leere zu, die gefüllt werden muss
Die längere Antwort: weil die Spätmoderne ihren Subjekten eine bestimmte Form von Leere zumutet, die sich gut mit Kindheits-Devotionalien füllen lässt. Wer keinen Glauben mehr hat, keine Klasse, keinen Stamm, keine intakte Biografie, aber Geld auf dem Konto und das dumpfe Gefühl, dass früher mehr Lametta war, der…
Read the full article at taz – die tageszeitung →