Smart
Edition Smart
Appell an die Fußballer: Hört endlich auf zu beten!
Sonst werde ich mich Richtung Curling verabschieden, wo sie zwar auch die ganze Zeit knien, aber halt nur, um ihren Stein anzuschieben. Eine Polemik
Essay
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Manfred Rebhandl
Nach dem 1:0 gegen Curacao legt der deutsche Torschütze Felix Nmecha eine imaginäre Krone auf den Rasen.
Fußballer sind interessante Menschen, wenn nicht sogar schräge Typen. Sie ziehen sich an, als wären sie Pfaue, fahren Autos, die man längst nicht mehr bauen dürfte, und haben WAGs (Women and Girlfriends), die mehrheitlich "etwas gemacht" haben – und zwar an ihren Körpern vorn oder hinten. All das kennt man seit den seligen Zeiten des George Best. Seit einigen Jahren aber wird eine neue Seite an unseren geliebten Kickern sichtbar: Nicht wenige von ihnen glauben an Gott beziehungsweise an die Spezialvariante von dem: an Jesus. Und zwar nicht so sehr im stillen heimlichen Kämmerlein, wie wir das früher kannten – "Seid mal Pssst! Omi betet!" –, sondern offen vor den Fans im Stadion oder den Abermillionen vor ihren Bildschirmen und an den Scrollmaschinen.
Einige werden mit mir gestaunt haben, als der deutsche Mittelfeldmann Felix Nmecha, eine "Holding Six", nach dem glorreichen 7:1-Triumph der Seinen gegen Curacao mit Mannschaftskollege Jonathan Tah und ein paar von den Gegnern einen Kreis bildete. Schon schickten sie dem Spiel ein flottes Gebet hinterher. Zuvor hat er sein Tor zum 1:0 mit einer Geste gesegnet, die einen schon nach dem Messwein rufen ließ: Er legte eine imaginäre Krone auf dem Spielfeld nieder! Diese Krone gehörte aber nicht Trump oder Infantino, alten soliden Vertretern des Glaubens an den Mammon, sondern – erraten! – Jesus, den wir doch als öffentlichkeitsscheu und durch und durch auf der Seite der Armen in Erinnerung haben. Nun protzt plötzlich jeder zweite millionenschwere Kicker mit ihm!
Es ist ein Kreuz
Schon beim Einlaufen überbieten sich die Spieler seit Jahren mit der Anzahl geschlagener Kreuze, drei müssen es mindestens sein, gegen 30 hat auch keiner was. Vergleichsweise entspannt erscheinen dagegen die, die sich noch auf ihren Aberglauben verlassen und immer mit dem linken Fuß zuerst das Spielfeld betreten oder drei Schritte hüpfen müssen, sonst ist das Spiel schon vor dem Anpfiff gelaufen. Ist es aber oft genug auch schon nach der ganzen Hüpferei oder Kreuzschlagerei! Verlässlich als Letzter einzulaufen, scheint da noch die tauglichste Variante zu sein, wenn man es sich mit dem Schicksal gut stellen möchte, rettet einen aber auch nicht verlässlich vor dem Abstieg. Also mal ehrlich: Was soll das?
Im Finish der englischen Meisterschaft schien es, als könnte der Belgier Jeremy Doku von Manchester City den Tabellenführer Arsenal kraft seiner irdischen Fähigkeiten und Talente doch noch von der Spitze ballern, so unglaublich präzise und oft traf er ins … Achtung: Kreuzeck! Nicht aber, dass er diese Treffer für sich selbst reklamiert hätte. Stets lief er danach zu einer Kamera am Spielfeldrand und stritt die Urheberschaft seiner Tore mit ausladenden Gesten und den Worten "Not me! Not me!" ab. Dann fuchtelte er herum und deutete hinauf zu dem, der sie seiner Meinung nach eigentlich geschossen hat: Der, der am Kreuz für ihn gestorben war!
Immerhin ein paar Fußballer drehen nach einem Treffer noch ab und hören nicht mehr auf, auf sich selbst zu deuten. Klassische Ich-AGs, wie man sie früher kannte und liebte. Aber selbst Cristiano scheint heute keine Chance mehr zu haben gegen diesen Jesus.
Fußballer aus Curacao und Deutschland nach Schlusspfiff beim gemeinsamen Gebet.
Auch unser David Alaba, ein überaus sympathischer Kerl, trägt unter seinem Fußballershirt meist noch ein einfaches weißes Leiberl (oder die teure Version eines solchen) mit der Aufschrift: Meine Kraft liegt in Jesus. Hier muss die Frage erlaubt sein, was Jesus eigentlich mit Alabas Macht anfangen soll, wenn sie schon in ihm liegt. Oder was soll der Spruch überhaupt bedeuten? Und Zusatzfrage: Was bringt’s überhaupt, sich einer vermeintlich höheren Macht anzuvertrauen, wenn man sich dann trotzdem das Kreuzband reißt? "Wer weiß, wofür's gut war", hört man dann meistens. "Der Herrgott wird sich schon irgendwas dabei gedacht haben!" Das gilt auch für Kriege und Hungersnöte, und wir finden nie heraus, was er sich dabei gedacht haben soll.
Legende Toni Polster liebt Jesus so sehr, dass er seinen eigenen Sohn nach ihm benannt hat: Anton Jesus. In einem Interview mit der Wiener Zeitung bekannte er unlängst: "Ich glaube an Gott und bete jeden Tag. Dieses Zwiegespräch tut mir gut." Sein Glaube ist sympathisch kindlich und sehr österreichisch, wohingegen der von Neymar kindisch und sehr brasilianisch ist.
"100 % Jesus"
Hier muss man wissen: Brasilien wird seit Jahren von evangelikalen Freikirchen überrollt, deren Gründer nichts gegen freiwillige Spenden haben, und Neymar war schon als Kind Mitglied einer solchen. Der Br…
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