Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg hat die deutsche Überwachungspraxis unter die Lupe genommen und zwei Beschwerden der Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) angenommen. Diese Entscheidung markiert einen bedeutenden Meilenstein, da nur etwa zwei Prozent aller Beschwerden bei dem Gericht diese Hürde passieren. Die Angelegenheit betrifft die gesetzlichen Grundlagen für den Einsatz von Staatstrojanern sowie die strategische Fernmeldeaufklärung des Bundesnachrichtendienstes (BND). Die Straßburger Richter haben außerdem erklärt, dass die beiden Fälle als Musterverfahren eingeordnet und beschleunigt behandelt werden sollen. Die Bundesregierung muss bis Oktober eine Stellungnahme abgeben.
Die RSF-Geschäftsführerin Christian Mihr mahnte die Regierung zur Zurückhaltung an, da das Kanzleramt dem BND gerade in einer Zeit, in der seine Kompetenzen noch auf dem Prüfstand stehen, zusätzliche Macht verleihen wolle. Mihr betonte, dass ein wirksam kontrollierter Nachrichtendienst entscheidend für das Recht auf verlässliche Information sei. RSF kritisiert, dass Journalisten nicht ausreichend vor Überwachung geschützt seien, insbesondere in Bezug auf die vertrauliche Kommunikation mit Quellen. Wenn Mobilgeräte mit Spyware überwacht werden, hätten Geheimdienste Zugriff auf alle Daten, die auf dem Gerät gespeichert sind. Bei der Fernmeldeaufklärung mit dem sogenannten „Datenstaubsauger“ würden zwar keine Inhalte erfasst, aber vertrauliche Verkehrsdaten, die zeigen, wer wann, wie und wie lange mit wem kommunizierte. Medienvertreter aus dem Ausland seien zudem rechtlich schlechter gestellt als deutsche Kollegen.
Die Tragweite der Verfahren reicht über die Pressefreiheit hinaus, da der EGMR fundamentale Fragen zur IT-Sicherheit aufwirft. Der Gerichtshof will wissen, ob der staatliche Einsatz von Spähsoftware die Sicherheit aller Nutzer schwächt, indem Sicherheitslücken offengehalten werden. Solche Lücken könnten potenziell auch von Kriminellen ausgenutzt werden. Ein verlässliches Schwachstellenmanagement, wie es das Bundesverfassungsgericht verlangt, bleibt der Bundesregierung weiterhin schuldig. Die erste Beschwerde zum Spyware-Einsatz führt der Berliner Rechtsanwalt Niko Härting als Prozessbevollmächtigter für RSF. Er argumentiert, dass der Einsatz von Spähsoftware gegen Journalisten Quellen einschüchtere und das Vertrauen nachhaltig zerstöre. Dadurch verliere die Öffentlichkeit Zugang zu wichtigen Informationen. Medienschaffende müssten nicht einmal das Hauptziel sein, es reiche der Kontakt zu einer überwachten Person. Da Betroffene oft nicht über die Maßnahmen benachrichtigt werden, könnten sie die Überwachung vor Gericht nicht nachweisen, was ihnen effektiver Rechtsschutz verwehre.
Das zweite Verfahren führt RSF gemeinsam mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) und dem Staatsrechtler Matthias Bäcker. Sie rügen die mangelhafte Umsetzung verfassungsrechtlicher Vorgaben. Die Karlsruher Richter hatten 2020 entschieden, dass deutsche Dienste auch im Ausland das Grundgesetz achten müssen. Bei der folgenden Reform des BND-Gesetzes habe die Regierung diese Vorgaben jedoch weitgehend missachtet. Verletzungen des Fernmeldegeheimnisses, des IT-Grundrechts und des Gleichbehandlungsgrundsatzes seien unzureichend behoben worden. Für RSF zeigt dies die weltweite Rangliste der Pressefreiheit, auf der Deutschland nur noch Platz 14 von 180 belegt. Wer Überwachung befürchtet, kann sich an das Digital Security Lab der Organisation wenden, das Endgeräte auf Spuren bekannter Spyware prüft.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen moniert zudem, dass Betroffene in der Regel im Nachhinein nicht informiert werden und somit praktisch keine Möglichkeit hätten, derartige Maßnahmen vor Gericht überprüfen zu lassen. Die Klage in Straßburg richtet sich auch gegen die aus Sicht von Reporter ohne Grenzen intransparente und unwirksame Kontrolle des BND durch den Bundestag. Der Berliner Anwalt Niko Härting betonte, dass das Bundesverfassungsgericht ihre Beschwerde ohne Begründung abgelehnt hatte, was für ihn eine Art Genugtuung sei. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gebe es nun „mit großer Wahrscheinlichkeit“ eine Entscheidung in der Sache, auch wenn diese wohl erst in einigen Jahren fallen werde. Der Gerichtshof hat der Bundesregierung bereits eine Liste von Fragen zu dem Fall geschickt, die bis Oktober beantwortet werden sollen. Die Richter wollen etwa wissen, wie die überwachte Telekommunikation genau abgefangen und wo die Daten gespeichert werden. Sie greifen auch einen Aspekt auf, der in der Diskussion um Staatstrojaner von kritischen Stimmen immer wieder angeführt wird: Welche Risiken für Handys oder Computer bringt es mit sich, wenn Behörden bestehende Sicherheitslücken nutzen, um ihre Spähsoftware zu platzieren? Schwächt das die IT-Sicherheit aller Nutzer, weil die Lücken nicht gemeldet und folglich nicht geschlossen werden? Könnten sie daher auch von Kriminellen genutzt werden?
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netzpolitik.orgIndependentLeftFactual 60Objective 706 days ago KW 26: The week in which politicians are faced with a choiceThe article discusses recent recommendations by an expert commission regarding youth protection in the digital space, particularly focusing on the proposal to ban social media for children under 13 years old. The author compares this to a chemical plant discharging waste into a lake, where children are prohibited from swimming but the root cause—pollution—is not addressed. The commission suggests either a legal age limit or platform-level changes like disabling algorithmic feeds and personalized ads. Federal Family Minister Karin Prien (CDU) has already supported the age restriction. However, the author raises concerns about limiting youth participation, undermining anonymity, and potential misuse of such policies, citing criticism from the German Ethics Council. The article also references a study from Australia showing that similar bans have been largely ineffective due to youth workarounds like fake accounts and VPNs.
Bias read (Left): The article frames the proposed social media ban as a restrictive measure that undermines privacy and freedom of expression, emphasizing risks of censorship and government overreach. It highlights criticisms from the German Ethics Council and points to the ineffectiveness of similar policies abroad,
Why these scores (Factual 60 · Objective 70): This article discusses unrelated topics about youth protection online and does not mention TelefonSeelsorge or DAISIE at all. Therefore, it has very low factuality regarding the event and is not relevant to the topic.
heise onlineIndependentLeft4 days ago Intelligence agencies targeted: Strasbourg court examines German surveillance practicesThe European Court of Human Rights (ECHR) has begun examining Germany’s surveillance practices, responding to complaints from Reporters Without Borders (RSF) regarding legal frameworks for state trojans and the Federal Intelligence Service (BND). The court has indicated it may treat these cases as precedent-setting and expedite their resolution, requiring the German government to respond by October. RSF criticizes the government for potentially increasing the BND’s power at a time when oversight mechanisms are under review, arguing this undermines journalistic protections and privacy rights. The concerns extend beyond press freedom, raising fundamental questions about cybersecurity and the risks posed by state-sponsored spyware. Legal experts warn that unchecked surveillance could compromise security for all users and weaken trust between journalists and sources.
Bias read (Left): The article frames the issue through the lens of press freedom and civil liberties, emphasizing the risks to journalists and privacy rights. It highlights criticism of government overreach and calls for stronger oversight, aligning with progressive values. While the subject is politically charged, a
Die ZeitIndependentCenter4 days ago Surveillance of journalists: is the BND allowed to hack journalists?The German foreign intelligence agency, BND, is facing scrutiny over whether it is allowed to hack journalists and install surveillance software on their phones. The organization 'Reporters Without Borders' argues that current laws governing the BND violate fundamental rights, including privacy and freedom of expression. After failing to win a constitutional court case in Karlsruhe, the group has turned to the European Court of Human Rights (ECtHR) in Strasbourg, which has indicated it will consider the complaint and potentially treat it as an 'impact case,' meaning it could set a precedent for surveillance practices across Europe. The ECtHR oversees compliance with the European Convention on Human Rights, which is part of the Council of Europe, not the EU. Reporters Without Borders claims that Germany’s legal framework fails to adequately protect journalists from surveillance, creating a chilling effect that deters potential whistleblowers and limits access to reliable information. They also criticize the lack of transparency and effectiveness of parliamentary oversight of the BND.
Bias read (Center): The article presents the issue of surveillance by the BND and the legal challenges posed by Reporters Without Borders in a balanced manner. It outlines both the concerns raised by the organization and the procedural steps being taken by the European Court of Human Rights without taking a clear立场 or偏
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